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Interview: Kant und das Internet : Aufklärung braucht Zeit - und die fehlt im Netz

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Ein Wegbereiter der Wissenschaftsphilosophie? Immanuel Kant Bild: picture-alliance/ dpa

Der Google-Algorithmus hätte Immanuel Kant fasziniert, die Amazon-Buchempfehlung ihm eingeleuchtet. Er hätte aber auch entscheidende Einwände gegen unseren Umgang mit dem Medium gehabt. Markus Gabriel, Deutschlands jüngster Philosophieprofessor, schaut mit Kant aufs Netz.

          Der Google-Algorithmus hätte Immanuel Kant fasziniert, die Amazon-Buchempfehlung hätte ihm eingeleuchtet. Er hätte aber auch entscheidende Einwände gegen unseren Umgang mit dem Medium gehabt. Markus Gabriel, Deutschlands jüngster Philosophieprofessor, schaut mit Kant aufs Netz.

          Welcher Philosoph erklärt aus Ihrer Sicht am besten den menschlichen Verstand?

          Wenn man davon absieht, dass jede Erkenntnistheorie meiner Ansicht nach unvollständig sein muss, weil es dem Menschen nicht gelingen kann, die Bedingungen der Erkenntnis zu erkennen, würde ich sagen: Kant.

          Markus Gabriel

          Was fasziniert Sie an Kants Erkenntnistheorie?

          Die Einsicht, dass uns Gegenstände nur zugänglich sind mittels kontingenter, das heißt nicht alternativenloser Filter. Demnach gibt es auch andere Möglichkeiten, Gegenstände zu filtern, die sind aber Kant zufolge dem Menschen nicht zugänglich.

          Was versteht Kant unter „Verstand“?

          Nach Kants Definition ist der Verstand ein Vermögen der Regeln. Der Verstand ist die Fähigkeit, Regeln anzuwenden.

          Und was bedeutet „Denken“ bei Kant?

          Denken ist für Kant Urteilen. Unter „Urteilen“ versteht er die Fähigkeit, mit begrifflichen Funktionen Ordnung in die Welt der Erscheinungen zu bringen.

          Ein Beispiel?

          Wenn man sagt: „Vor mir stehen drei Stühle“, dann ordnet man die unendliche Menge an sinnlichen Eindrücken, die auf einen einströmen, im Hinblick auf die drei Gebilde vor einem. Das wäre nach Kant „Ausübung des Verstandes“.

          Wenn man diese Theorie jetzt auf das Internet überträgt: Welche Urteilsformen, welches Verständnis von Erkenntnis kommt hier zum Ausdruck? Kann man zum Beispiel die Google-Suche mit Kants Theorie erfassen?

          Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das „Ding an sich“. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche.
          Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf - es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung.

          Der Page-Rank-Algorithmus selbst ist schon ideologisch.

          Ja. Aber man muss auch sagen, dass Kants Filter - die von ihm angenommene Raum-Zeit-Brille, durch die wir die Erfahrung wahrnehmen sowie die reinen Verstandesbegriffe, mit denen wir sie unter den Begriff bringen - ebenfalls ideologisch geprägt sind. Das kritisiert schon Hegel an Kant. Hegel hat das so ausgedrückt, dass die Philosophie immer ihre Zeit in Gedanken erfasst. So kann man sagen, dass zum Beispiel Kants Lehre der reinen Verstandesbegriffe, die, wie jede andere auch, aus der Erfahrung bestimmter Urteilsformen hervorgeht, immer eine Kristallisation von Ideologie ist, wenn man es kritisch wendet - oder aber eine Kristallisation von Macht, wenn man sich vorsichtiger ausdrücken möchte.

          Dass der Filter der Google-Suche ein Algorithmus ist, ein mathematisches Konstrukt, wäre Kant aber wohl sympathisch gewesen?

          Das wäre Kant extrem sympathisch gewesen. Weil die raum-zeitliche Wirklichkeit nach seinem Verständnis konstitutiv mathematisch aufgebaut ist.

          Wie hätte Kant das Internet gefunden?

          Ihm wäre auf jeden Fall die im Internet angelegte Fenster-Metaphorik vertraut vorgekommen. Er hätte in ihm eine komplexe Kopie der gesamten Vernunftstruktur gesehen: Wir haben eine Sinnlichkeit, also Informationsinput, wir haben Verstand, Regeln und wir haben Vernunft - wobei Vernunft in Kants Sinn dem Zusammenhalten verschiedener Informationsquellen entspräche. Sie kommt ins Spiel, wenn ich mich frage: nutze ich Google, oder greife ich zu einem anderen Angebot. Beim Überblicken der Vielfalt des Internets und der Auswahl zwischen unterschiedlichen Optionen, kommt die Vernunft zum Tragen.

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