https://www.faz.net/-gsf-6kuso

Internet und Demokratie : Ich kann mir da nur zustimmen

Kein Mensch ist eine Insel: der spontane Kontakt zur Außenwelt ist für Sunstein der Nährboden der Demokratie Bild: dpa

Immer mehr Kommunikation, aber immer weniger Meinungsvielfalt? Obamas Berater Cass Sunstein sieht im personalisierten Internet lauter isolierte Egozentriker herumtreiben - und sieht langfristig eine Gefahr für die Demokratie.

          4 Min.

          Mitte der Neunziger, als das Internet ein grenzenloses Versprechen schien, euphorisierte Bill Gates die Vorstellung, in absehbarer Zukunft in ein Zimmer treten und in jedem Augenblick jedes gewünschte Video sehen zu können. Mancher Traum hat sich inzwischen erfüllt. Fernsehen und Rundfunk bieten immer mehr Sendungen außerhalb fester Programmzeiten im Internet an. Online-Magazine offerieren einen nach persönlichen Vorlieben maßgeschneiderten Zugang. Wer ein bestimmtes politisches Interesse pflegt, kann es punktgenau ansteuern. Die individualisierte Nachrichtenzufuhr über RSS-Feeds oder soziale Netzwerke tut ein Übriges. Der amerikanische Informationstheoretiker Nicolas Negroponte nennt dies Daily.me: ein täglich selbstgeschaffener Zugang zur Welt, den das Internet ermöglicht.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Negroponte verstand die Personalisierung als Triumph des Individuums über Programm- und Zeitzwänge. Mit dem einzigen Haken, dass die Zeit, die man braucht, um in dem Meer der Möglichkeiten seine Wahl zu treffen, nicht mitgeliefert wird. Die neue Freiheit läuft dadurch ständig Gefahr, pervertiert zu werden. Die mangelhafte Kenntnis der zahllosen Alternativen kann in ironische Distanz zur eigenen Entscheidung treiben oder zum Verzicht auf die gerade in Aussicht gestellte Individualität.

          Man kann die Wahl schließlich auch anderen überlassen. Es gibt Websites, die auf den Leib geschneiderte Programme einrichten. Wer seinen Musikgeschmack an Apples Genius-Algorithmus delegiert, liefert sich einer algorithmisch überformten Geschmacksbildung aus, die den Massengeschmack favorisiert und eine technisch vermittelte Identität produziert, die womöglich bald kaum noch von der „natürlichen“ unterscheidbar ist. Der nächste Schritt auf diesem Weg sind personalisierte Suchmaschinen, die das Gesichtsfeld auf Vertrautes eingrenzen, indem sie das Individuum auf bestimmte, berechenbare Aspekte reduzieren.

          Warnung vor der digitalen Selbstverstrickung: Cass Sunstein
          Warnung vor der digitalen Selbstverstrickung: Cass Sunstein : Bild: Suhrkamp

          Dialog und Gleichgesinnten

          Der amerikanische Jurist Cass Sunstein, einer der meistzitierten Vertreter seines Faches und ein enger Berater von Barack Obama, sieht darin nicht weniger als eine Gefahr für die Demokratie. In seinem Buch „Republic.com“, dessen deutsche Übersetzung noch aussteht, sieht er das Internet, einst als Medium radikaler Demokratie gefeiert, langfristig in Aufmerksamkeitsinseln zerfallen und den Nährboden der Demokratie, den Raum geteilter Erfahrung, zerfressen. Die Personalisierung verpuppt in seiner Sicht immer mehr Menschen in widerspruchslose Informationskokons, wo sie nur ihnen genehme Bruchstücke der Realität wahrnehmen und Fremdes bald nicht mehr integrieren können. Nerds unterhalten sich mit Nerds, Sozialstaatskritiker mit Sozialstaatskritikern, Hobbygärtner mit Hobbygärtnern - anderer Austausch findet kaum statt. Unangenehme Begegnungen lassen sich so weitgehend vermeiden.

          Inmitten der Vielfalt droht so massive Engstirnigkeit. Der Diskurs unter Gleichgesinnten hat eine Verhärtung der Gruppenmeinung und den Ausschluss des Andersartigen zur Folge. Sunstein nennt Xenophobie, Denkfaulheit und wachsenden Extremismus als erwartbare Folgen. Als Beleg führt er Studien an, die den Nachweis führen, dass im Internet vorwiegend Gleichgesinntes miteinander verlinkt wird. Auch Blogs fallen für ihn hauptsächlich unter die Kategorie Dialog unter Gesinnungsgenossen. Das Netz zerfällt in diesem Szenario in unzählige Echokammern der eigenen Stimme, die nicht mehr in einem Metadiskurs aufgehoben sind und den Keim des Politischen ersticken. Zwei Dinge, sagt Sunstein, sind essentiell für die lebendige Demokratie: ein Raum gemeinsamer Erfahrung, damit der politische Diskurs überhaupt entstehen kann, und ungeplante Begegnungen. Leute müssen Dingen ausgesetzt seien, die sie selbst nicht gewählt hätten. Beides sei im Netz immer weniger gegeben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.