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Informationsüberflutung : Was uns wirklich krank macht

  • -Aktualisiert am

Wir müssen uns auf die „Digital Natives” konzentrieren, wenn wir die Informationsüberflutung verstehen wollen Bild: AFP

Der permanente Aufmerksamkeitsdruck verändert die Psyche des Menschen. Doch nicht die Technologie ist das Problem, sondern die Kombination von Informations- und Konkurrenzdruck. Wir müssen wieder Herren unserer Zeit werden.

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          Die Informationsüberflutung beschäftigt uns schon eine ganze Weile. Bereits in den sechziger Jahren haben Marshall McLuhan und Herbert Simon dieses Phänomen studiert. Erst war es das unübersehbare Angebot an Fernsehkanälen und Büchern, später die gigantische Speicherkapazität, die für Aufmerksamkeitsstörungen sorgte, doch die Symptome waren immer gleich: Man fühlt sich überfordert und verarbeitet die eingehenden Informationen nicht mehr, bis das System irgendwann zusammenbricht. Inzwischen sind Milliarden mit der Datenexplosion konfrontiert, ständig online und auf immer kleineren Displays im Netz unterwegs. Wenn täglich Hunderte von Mails gelesen und beantwortet werden müssen, kann von einer „Tyrannei der kleinen Entscheidungen“ längst keine Rede mehr sein. Es ist viel schlimmer.

          Kürzlich sprach ich in Bologna mit dem italienischen Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi. Er gehörte mit Antonio Negri, Paolo Virno und anderen in den siebziger Jahren zur italienischen Autonomenbewegung, gründete den Piratensender „Radio Alice“ und das Webforum „Rekombinant“. Der Sechzigjährige, der an einer Mailänder Kunstakademie unterrichtet, hat einen scharfen Blick für die „prekären“ Arbeitsverhältnisse von heute. Überlastung, Kurzarbeit, Antidepressiva, Blackberrys und Kreditkartenschulden werden zunehmend Thema theoretischer Debatten.

          Von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung

          Berardis Arbeiten liegen seit kurzem auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch vor. In „The Soul of Work“ (2009) beschreibt er die Entwicklung der letzten dreißig, vierzig Jahre – von Entfremdung zu Autonomie, von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung, von den Hoffnungen und Wünschen eines schizophrenen Aktivismus zur diffusen, wenn nicht depressiven Subjektivität der Generation Web 2.0.

          Gäste im Bloggercafé St. Oberholz in Berlin: Wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein
          Gäste im Bloggercafé St. Oberholz in Berlin: Wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein :

          In seiner Aufsatzsammlung „Precarious Rhapsody“ (2009) schreibt Berardi: „Der Cyberspace ist theoretisch unendlich, die Cyberzeit ist es nicht. Als Cyberzeit bezeichne ich die Fähigkeit des bewussten Organismus, Informationen (aus dem Cyberspace) zu verarbeiten.“ Flexibilität in der Netzökonomie hat zu einer Fragmentierung der Arbeit geführt, zu befristeter Zeitarbeit. Uns allen ist diese Fragmentierung der Arbeitszeit bekannt. „Psychopathische Störungen“, schreibt Berardi, „treten heutzutage immer klarer als soziale Epidemie auf, genauer als soziokommunikative Epidemie.

          Wer überleben will, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten. Das führt zu permanentem Aufmerksamkeitsstress, für Affektivität bleibt immer weniger Zeit.“ Um fit zu bleiben, greifen die Leute zu Prozac, Viagra, Kokain, Ritalin und anderen Drogen. Wenn wir diese Analyse auf das Internet übertragen, sehen wir die beiden Bewegungen – die Erweiterung der Speicherkapazität und die Verdichtung von Zeit –, die Computerarbeit so stressig machen. Daraus resultiert das Chaos unserer Zeit. Chaos ist, wenn sich die Welt so schnell dreht, dass wir nicht mehr hinterherkommen.

          Wir sind mitten im Netzparadigma

          Laut Berardi müssen wir uns auf die „Digital Natives“ konzentrieren, wenn wir die Informationsüberflutung verstehen wollen. Die Frage, ob ältere Generationen unter einem Zuviel an Information leiden, kann hier außer Acht gelassen werden. Berardi: „Fragen Sie sich nicht, ob Sie der Flut gewachsen sind oder nicht. Es geht nicht um Anpassung oder Auswahl. Pan, Gott der Jagd und der Hirtenmusik, symbolisiert Überfluss und Fülle, wurde aber nie als Problem stigmatisiert. Die Menschheit war immer fasziniert vom sternenübersäten Nachthimmel, ist angesichts der unübersehbaren Zahl aber nie in Panik geraten.“

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