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Im Gespräch: Miriam Meckel : Werden wir alle zu Algorithmen?

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Kampf gegen die Passivierung durch Algorithmen: Miriam Meckel Bild: Burkhard Neie/xix

Dass es bei unserer Unterhaltung über das Internet auch um abgründige Waldspaziergänge gehen würde, war nicht absehbar. Kühl malt Miriam Meckel den digitalen Schrecken an die Wand.

          In Ihrem neuen Buch „Next“ beschreiben Sie den Totalitarismus einer digitalen Maschinenwelt, der die feindliche Übernahme des Menschen gelingt. Es ist ein fiktives Szenario, das gleichwohl als energische Kulturkritik auftritt. In Abwandlung von Neil Postmans Fernsehkritik „Wir amüsieren uns zu Tode“ beschreiben Sie eine Zukunft, in der wir uns zu Tode gegoogelt haben. Wiederholt Ihr Schreckensszenario nicht nur Postmans Verdummungsthese mit anderen Mitteln?

          Neil Postmans Kritik und meine unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt. Postman kritisiert vor allem das Fernsehen, das ja bislang immer ein externalisiertes Medium war. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir durchs Fernsehen verdummen, denn es gibt ein Leben, auch ein mediales, drumherum. Mein Szenario beschreibt dagegen einen Prozess der Internalisierung von Technologie, das Internet wird Teil von uns - geistig, aber auch körperlich. Das geschieht vor allem durch das personalisierte Internet der Algorithmen, ohne dass wir es merken. Wenn Sie und ich bei Google nach demselben Begriff suchen, bekommen wir nicht unbedingt dieselben Ergebnisse geliefert, denn die Algorithmen rechnen im Hintergrund alle Informationen ein, die es über uns drei im Netz gibt, und die unterscheiden sich natürlich. Google, Facebook und Co. liefern uns unterschiedliche, aber passgenaue Angebote, die Voraussetzung und Bestandteil unseres Entscheidens und Handelns werden.

          Voraussetzungsfrei entscheiden und handeln wir doch aber ohnehin nie. Mit oder ohne Internet unterliegen wir Einflüssen, zu denen wir uns verhalten können.

          Das ist gerade die Frage: Ob sich mit dem Internet nicht eine neue Dimension der Einflussnahme abzeichnet. Denken Sie daran, wie es inzwischen gelingt, Computer durch Hirnströme zu lenken, nicht zu sprechen von Hirnimplantaten, über die das auch gelingen kann. Wir werden dann selbst unsere Schnittstelle zur Technik, und das bedeutet, dass die Differenz zwischen uns selbst und den Technologien nicht mehr beobachtbar ist. Da liegt auch der Unterschied zur Kritik am Fernsehen. Ich kann aus mir selbst als an das globale Netzwerk angeschlossener Mensch nicht mehr heraustreten und sagen: Huch, das verdummt oder verändert mich aber, was hier gerade geschieht. Beim Fernsehen ging das bislang. Durch einfaches Ausschalten.

          Ein Schlüsselsatz Ihres Buches stammt von Günther Anders, der in der „Antiquiertheit des Menschen“ schreibt: „Heute wissen wir Zauberlehrlinge nicht nur nicht, dass wir die Entzauberungsformel nicht wissen oder dass es keine gibt; sondern noch nicht einmal, dass wir Zauberlehrlinge sind.“ Was heißt dieser Satz für die beiden Erzähler Ihres Buches: also für den menschlichen Algorithmus einerseits und für den letzten Menschen dieser Erde andererseits?

          Der Mensch ist - frei nach Goethes gleichnamiger Ballade - der Zauberlehrling, der experimentiert, weil er die Zauberformel aufgeschnappt hat und wissen will, was durch sie möglich ist. Und der Algorithmus ist der Besenstil, der sich durch diese Formel in einen Knecht verwandelt, letztlich in einen Roboter. Einmal in die Lage versetzt, trägt er nun Wasser ins Bad, ohne wieder aufzuhören, bis das ganze Haus abzusaufen droht. Der Roboterknecht ist nicht selbständig genug, seine Selbständigkeit wieder aufzugeben. Und irgendwann steht der Mensch dabei und weiß nicht mehr, was er tun soll. In Goethes Ballade ruft er dann nach dem Meister, der schließlich die Rückverwandlungsformel und damit die Rettung bringt. Die Frage heute lautet: Wer ist der Meister? Gibt es ihn? Ich fürchte, wir glauben, Zauberlehrling und Meister in einem zu sein. Aber diese Annahme könnte existentiell falsch sein.

          Inwiefern lässt sich diese Befürchtung, die in Ihrem Buch ja zur Gewissheit wird, als Fortsetzung Ihrer Burn-out-Thematik lesen?

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