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Im Gespräch: Miriam Meckel : Werden wir alle zu Algorithmen?

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Aber genau darum geht es. Wenn Sie sich vorstellen, das die algorithmische Berechnung und Beeinflussung immer weiter um sich greift, wie es in der letzten Zeit zu beobachten ist, dann lassen Sie sich jenseits dieser Empfehlungen immer seltener auf Alternativen ein. Das ist das Problem, von dem ich sage, dass es eine neue Zivilisationsstufe markiert. Sie müssten diese Alternativen aus sich selbst heraus entwickeln. Wir wissen aber aus der menschlichen Psychologie, dass wir Gewohnheitstiere sind, dass die Dinge, die gut funktionieren, auf Wiederholung und Routine beruhen. Das heißt, der Kraftakt, den ich leisten muss, um mir Alternativen zu suchen, von denen ich nicht gewusst habe, dass es sie geben kann und dass sie mich faszinieren könnten - dieser Kraftakt wird immer größer, weil ich mit nichts Widerständigem mehr konfrontiert werde, sondern nur mit dem, was mir angenehm, was praktisch und passgenau ist. Wie wollen Sie denn einen Meinungsbildungsprozess in einer demokratischen Gesellschaft hinkriegen, wenn ein wachsender Teil der Menschen in einem algorithmischen Berechnungs-Tunnel steckt? Es braucht viel Energie und intellektuelle Disziplin, sich bewusst mit dem Fremden, mit anderen Quellen und Perspektiven auseinanderzusetzen.

Aber geht das nicht jedem so, wenn er derart in seinem Kram drinsteckt, dass er mal Tapetenwechsel braucht? Schon ein einziger Waldspaziergang, bei dem ich ein wenig zum Nachdenken komme, könnte das Tunnelproblem doch schon wieder relativieren. Kommt man bei Vogelgezwitscher und guter Luft nicht auf Ideen, die mir kein Algorithmus vorgesagt hat?

Der Wald ist auf lange Sicht kein Fluchtpunkt. Es bedarf keiner großen Phantasie, sondern lediglich eines Blicks auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, um sich für die Zukunft die Frage zu stellen: Bin ich es dann noch, der durch den Wald läuft, oder ist der Waldspaziergang Teil einer auf mich zugeschnittenen, auf sehr komplexen Rechenoperationen basierenden Simulation, die alleine in meinem Kopf stattfindet? Der wunderbarste Waldspaziergang kann dann jederzeit nach meinen Präferenzen simuliert werden, weil die Algorithmen mühelos errechnet haben, welche Waldspaziergänge ich in den letzten Jahren am liebsten gemacht habe und mir genau die Baum-, Laub- und Moossorten mit dem passenden Vogelgezwitscher als Umfeld anbietet, die es mir möglich machen zu glauben, dieser Waldspaziergang würde meine Kreativität anregen. Das ist jetzt aber - zugegeben - schon sehr weit nach vorne gedacht. Was ich sagen will: Auch wenn wir beide, Sie und ich, Waldspaziergänge lieben, so müssen wir sehr genau überlegen, ob es sich um einen Waldspaziergang handelt unter den Bedingungen, die Sie beschreiben, oder um einen solchen unter den Bedingungen, wie ich sie beschreibe. Mit anderen Worten: Ihr Waldspaziergang ist kein Selbstläufer. Meiner schon.

In der neuen Zeit, die Ihr Buch entwirft, „sind wir von all dem Ballast befreit, den wir seit Jahrtausenden mit uns geschleppt hatten. Die Fragen nach dem Individuum, nach den Beziehungen zwischen den Menschen, nach Freiheit und Begrenzung, nach Liebe und Hass, nach dem Anfang und dem Ende“. Eine Verlustprognose, die in der Tat das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wir kennen solche Szenarien bisher nur im klinisch-pathologischen Raum der Persönlichkeitsstörungen. Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass wir auf dem Weg in eine pathologische Normalkultur sind?

Was ist normal? Mit diesem Begriff habe ich nie etwas anfangen können. Normal ist ausgehandeltes Mittelmaß. Das finde ich grauenhafter als jedes Extremszenario in meinem Buch. Aber ich empfinde unsere Gesellschaft schon manchmal wie im manisch-depressiven Dauerzustand. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass es zwischen beiden Zuständen noch eine, wie auch immer flüchtige Grenzlinie gibt, die uns das Unterscheiden möglich macht, die Unterschiede, die einen Unterschied ausmachen, wie Gregory Bateson gesagt hat. In meinem Buch wird eine Zukunft geschildert, in der das Unterscheiden unmöglich geworden ist. In der wir nicht mehr wissen können, wo die Grenzlinie zwischen digitalem und ontologischem Ich verläuft. Alles geht auf in einer gleichförmigen, unendlichen Vernetzung. Das ist dann nicht die pathologische Normalkultur. Das ist die Hölle.

Zur Person

Geboren 1967 in Hilden war Miriam Meckel zunächst Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien der nordrhein-westfälischen Landesregierung unter Peer Steinbrück.

Seit 2005 ist sie Professorin für Unternehmenskommunikation und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen.

Heute erscheint bei Rowohlt Miriam Meckels neues Buch „Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“. Darin geht es in fiktionalisierter Form um die Frage, wie das personalisierte Internet der Algorithmen unser Denken und Handeln verändert.

Meckel sieht in der Netzexistenz eine neue Zivilisationsstufe erreicht und warnt vor dem digitalen Infarkt unserer Gesellschaft. „Next“ nimmt Motive die Stimmung ihres Vorgängerbuchs „Brief an mein Leben“ auf, in dem die Autorin ihre persönlichen Erfahrungen mit der Burnout-Thematik darstellt.

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