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Im Gespräch: Miriam Meckel : Werden wir alle zu Algorithmen?

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Tatsächlich gibt es da Verbindungen. In meinem letzten Buch Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout ging es um eine Art Erschöpfungsinfarkt, den man aufgrund einer vollkommenen Kommunikations-, Informations-, auch Arbeits- und Gefühlsüberlastung als Mensch erleiden kann - und den ich erlitten habe. Diese Stimmung, in der ich seinerzeit war, zieht sich auch in das neue Buch hinein, als eine melancholische, manchmal vielleicht sogar fatalistische Erzählhaltung. Nur dass es diesmal um den digitalen Infarkt einer ganzen Gesellschaft geht, die sich ins Netz begeben hat und zwischen dem, was einmal menschlich am Menschen war, und dem, was technisch aus ihm geworden ist, nicht mehr zu unterscheiden vermag.

Warum haben Sie das Genre der Science-Fiction-Erzählung gewählt? Warum nicht ein konventionelles Thesenbuch, wie es von einer Kommunikationswissenschaftlerin zu erwarten gewesen wäre?

Als Kommunikationswissenschaftlerin hätte ich das Buch auch ganz anders schreiben können. Das ist richtig. Ich fürchtete nur, dass es dann kaum jemand lesen würde, weil wir im deutschsprachigem Raum die Debatte über das, was im Internet passiert, ziemlich rückständig führen. Bei uns gibt es eine gewisse Ideologisierung von Verfechtern und Gegnern des Internets, und dazwischen kann eigentlich keine wirkliche kulturkritische Debatte stattfinden. Ich war im letzten Jahr mit einem Sabbatical in Harvard und habe mich dort in dieses Thema eingearbeitet, und wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich das Buch wahrscheinlich ganz anders geschrieben. Aber für unsere Diskussion in Deutschland schien mir die Fiktionalisierung des Themas als Möglichkeit, auch solche Leser anzusprechen, die beim Thema Internet und Technik nicht gleich hurra rufen. Wir haben hier noch nicht richtig begriffen, dass es um den Eintritt in eine neue Zivilisationsstufe geht. Es geht nicht um eine neue Technik oder eine neue Kommunikationsplattform oder neue Kommunikationsinstrumente, sondern es geht schon um eine ziemlich rasante Frage, nämlich: Wie gehen wir mit uns selbst um? Wie hinterfragen wir das, was irgendwann von uns übrig bleibt?

Was von uns übrig bleibt?

Ja. Mein Buch radikalisiert das Problem so, dass wir am Anfang einer Zukunft stehen, die irgendwann ohne uns auskommt.

Wo sehen Sie für diese Apokalypse denn empirische Anknüpfungspunkte?

Wir arbeiten im personalisierten Internet immer mehr mit Empfehlungssystemen. Wenn Sie bei Amazon ein Buch bestellen, liegt dahinter ein algorithmisches Empfehlungssystem, also eine mathematische Formel, die Ihnen berechnet, welches Buch gut zu Ihnen passen könnte. Bei der Musikwahl ist es so, bei der Partnersuche, beim Buchen von Ferienorten, bei der Rekrutierung von Mitbewohnern einer Wohngemeinschaft; es sind also so ziemlich alle Lebensbereiche betroffen. Was ein Algorithmus macht, ist ja eigentlich simpel: Er wertet als mathematische Formel das aus, was wir bisher getan haben und projiziert es dann in die Zukunft. Aus unserer Vergangenheit und unserem früheren Verhalten wird unser mögliches zukünftiges Verhalten errechnet. Das bedeutet, wir bewegen uns in einen Tunnel unserer selbst hinein, der immer enger, immer selbstreferentieller wird, weil keine neuen Impulse mehr hinzukommen. Wir werden zu dem, was eine Software als historisches Präferenz- und Verhaltensmuster von uns errechnet hat.

Bleibt uns nicht immer die Möglichkeit, zu diesen Empfehlungen Stellung zu nehmen? Das Profil, das von uns erstellt wird, ersetzt ja nicht unser Ich, wie es der letzte Mensch in Ihrem Buch nahelegt: „Das Profil wirkte auf uns zurück, und irgendwann verschmolzen wir mit ihm. Ich wurde mein Profil.“

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