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Google will filtern : Algorithmen an oder aus

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Google hat der EU vorgeschlagen, transparenter mit seiner Werbung umzugehen und mehr Links zur Konkurrenz anzubieten. Dieses Vorgehen könnte richtungweisend sein.

          Der amerikanische Suchmaschinenbetreiber Google schlägt der EU-Kommission vor, in der Ausweisung seiner Suchergebnisse künftig Verweise auf eigene Angebote besser zu kennzeichnen und mehr Links auf die Dienste von Wettbewerbern anzubieten. Die europäischen Wettbewerbshüter hatten den Konzern vor mehr als zwei Jahren ins Visier genommen und ihm vorgeworfen, Suchergebnisse zugunsten eigener Angebote zu filtern.

          Dass sie in Fragen der Marktdominanz im Internet durchgreifen kann, hatte die Kommission mit den Strafen gegen Microsofts Bevorzugung des eigenen Browsers im Windows-Paket gezeigt. Jetzt könnte auch der Umgang der EU-Administration mit Algorithmen wegweisend sein, auch wenn der Vorschlag Googles vermutlich nicht nur aus Sicht seiner Konkurrenten nicht weit genug geht.

          Die Einstellungen Googles sind ein Vorbote der Art, wie Algorithmen in der Zukunft die Auslieferung von Inhalten im Internet beeinflussen werden. Sie zeigen, welche Gefahren dies für eine demokratische Gesellschaft birgt. Immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Die Quellen dort bedienen sich aber ihrerseits komplexer Verfahren wie Algorithmen, die sowohl Auslieferung wie auch Zusammenstellung der Quellen beeinflussen – bis hin zu Inhalt und Formulierung. Zwei Nutzer können so, je nach persönlichen Präferenzen oder anderen Faktoren, beim Lesen der gleichen Website zwei völlig unterschiedliche Varianten derselben angezeigt bekommen. Das kann den Nutzern durchaus entgegenkommen: Wer sich beispielsweise nicht für Sport interessiert, wird auf diesen Bereich der Berichterstattung gern verzichten. Problematisch ist es allerdings, wenn Technologien still und heimlich in der Unsichtbarkeit operieren. Aus diesem Grund ist eine Algorithmen-Ethik geboten, die solche Verfahren transparent und steuerbar macht.

          Ein neutraler Service?

          Mit Algorithmen können selbst politische Entscheidungsprozesse unbemerkt beeinflusst werden: Im November beschrieb Julia Angwin im „Wall Street Journal“, wie Algorithmen den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf beeinflusst haben, und zwar nicht auf einer kleinen Nachrichtenseite, sondern innerhalb der meistgenutzten Quelle des Internets überhaupt: Google. Angwin wies nach, dass für Nutzer, die dort nach „Obama“ gesucht hatten, anschließend alle Suchergebnisse in Richtung „Obama“ betreffender Inhalte gefiltert wurden, sogar wenn die späteren Suchen gar nichts mit Obama direkt zu tun hatten.

          Wer nach Flutkatastrophen suchte, bekam verstärkt Artikel angezeigt, die Obamas Aktivitäten in diesem Zusammenhang darlegten. Suchte hingegen ein Nutzer zuvor nach „Romney“, wurde nicht gefiltert. Google schloss eine bewusste Einflussnahme aus – die Algorithmen hätten diese Entscheidung selbst getroffen, wohl sogar aufgrund nachvollziehbarer Kriterien: Die Obama-Kampagne war sehr viel stärker auf Zielgruppen im Internet ausgerichtet und „Obama“ wahrscheinlich deshalb für den Algorithmus schlicht relevanter als „Romney“. Die Filterung wäre demnach ein politisch neutraler Service.

          Historische Chance

          Personalisierte Suche wird von den Suchmaschinen als Unterscheidungsmerkmal gesehen, deshalb ständig weiterentwickelt und natürlich automatisch angeschaltet. Und genau darin liegt das Problem, denn dieser Filterprozess ist nicht sichtbar. Man weiß nicht, dass gefiltert wurde, und schon gar nicht, wie und warum.

          Demokratische Gesellschaften beruhen auch auf dem freien Zugang zu Informationen. Es kann nicht sein, dass wir uns aus Bequemlichkeit und Technikergebenheit willentlich in eine Situation begeben, in der wir diesen Zugang zu Informationen beschneiden lassen. Im Endeffekt ist algorithmische Filterung technisch kaum von der Filterung des Internets in Russland oder China zu unterscheiden. Der Unterschied zu Staaten mit wirklicher Internet-zensur sollte natürlich nicht in einer Ablehnung der Technik generell bestehen, sondern darin, die Verfahren offenzulegen und kontrollierbar zu machen.

          Aktuell wird in Brüssel eine Neufassung der Datenschutz-Grundverordnung verhandelt, die europaweit regeln soll, wie Unternehmen und Staaten mit Daten umgehen dürfen. Ein zentraler Absatz könnte genutzt werden, um die hier geforderten Kennzeichnungspflichten für Algorithmen zum Standard zu machen: die Bestimmungen zum sogenannten Profiling in Artikel 20. Damit werden Verfahren beschrieben, die unter Hinzunahme der Daten des Nutzers über ihn automatisierte Entscheidungen treffen können. Nach der hier entwickelten Leseart trifft das auf personalisierte Inhalte zu.

          Bislang ist eine allgemeine Kennzeichnungspflicht des Einsatzes von Algorithmen allerdings nicht vorgesehen. Dennoch bietet sich hier eine historische Chance, die in der EU vermutlich mindestens für die nächste Dekade festlegen wird, mit welchen Auflagen algorithmisch gesteuerte Nachrichtenversorgung erfolgen darf. Würde hier ausnahmslos eine Kennzeichnungspflicht von Algorithmen festgeschrieben, könnte es den Umgang mit derartigen Verfahren nachhaltig beeinflussen - übrigens auch im positiven Sinn, wenn Nutzer zum Beispiel feststellen, dass sie eine Filterung angenehm finden, und Vertrauen zu den Verfahren aufbauen, weil diese offengelegt und kontrollierbar gemacht werden.

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