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Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

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Sie beginnen Ihren Roman „Daemon“ mit einer Variante dieses Gedankens. Jemand wird aufgrund eines elektronischen Arbeitsauftrags eines beschränkten AI-Konstrukts getötet. Der Auftrag wird gewissenhaft von einem Hausmeister ausgeführt, der nicht einmal weiß, welche Wirkung das im Arbeitsauftrag vorgeschriebene Umlegen eines Hebels am Ende haben wird: die Hinrichtung eines Menschen. Sobols Daemon nutzt diese Technik später immer wieder für seine Interaktion mit der realen Welt. Stanislaw Lem hat einmal den Gedanken favorisiert, jede Arbeit, die von einer Maschine verrichtet werden könne, solle auch von einer Maschine verrichtet werden, damit die Menschen frei für interessantere und schöpferische Arbeit würden. Im Augenblick scheint aber etwas völlig anderes zu geschehen. Selbst geistige Arbeit wird inzwischen nach Fließband-Paradigmen organisiert, die auf Textmining-Algorithmen, semantischer Analyse und maschinellem Lernen basieren. Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Dehumanisierungstendenz, außer den völligen Zusammenbruch unserer Zivilisation? Gibt es eine vernünftige Regulierung, die verhindern könnte, dass Gesellschaft und Wirtschaft die Grenze zwischen gesunder Schlankheit und krankhafter Magersucht noch weiter überschreiten?

Suarez: Ich sehe einen Weg, der den Zusammenbruch verhindern könnte, aber die etablierten Interessen werden nur widerwillig den Sprung zu einer weniger effizienten, aber widerstandsfähigeren Gesellschaft mitmachen. Selbst wenn die Vorstände der multinationalen Unternehmen die Risiken allzu schlanker Unternehmensstrukturen erkennen sollten, dürfte die Börse sie strafen, falls sie sich vom Ziel der Hypereffizienz verabschiedeten. Anleger würden sie verklagen und die Aufsichtsräte würden sie aus den Führungsetagen verbannen, bevor ein sinnvoller Wandel eingesetzt hätte.

Die Initiative muss daher vielmehr aus dem Volk kommen - und dabei denke ich nicht an Proteste und Demonstrationen, sondern an den Aufbau und die Erprobung neuer Wirtschaftsformen, digitaler Währungen, Augmented Reality und vermaschte Open-Source-Netzwerke, die eine neue Ökonomie und damit ein soziales Geflecht schaffen, das die etablierten Mächte samt ihren selbsternannten Torwächtern und Lobbyisten eher umginge als stürzte. Solch ein System würde zunächst nur in embryonaler Form geschaffen. Es zöge immer mehr Anhänger an, die aus der bestehenden Ökonomie herausgefallen sind, und setzte sich schließlich durch, wenn eine kritische Masse sich dem neuen System angeschlossen hätte. Man könnte sich auch eine Übergangsphase vorstellen, in der die Menschen mit einem Bein in der alten und mit dem anderen in der neuen Ökonomie stünden, so dass der Übergang nicht so abrupt ausfiele. Man stelle sich nur einmal vor, wie viele gut ausgebildete Menschen es gibt, die gerne einen Neuanfang in einer Welt wagten, in der ihre Schulden - die Erbsünde der freien Märkte - getilgt wären. Entscheidend ist, dass die Verantwortung für Aufbau und Erhaltung der Netzwerkknoten bei einzelnen Gemeinschaften liegt. Für die vernünftige Regulierung sorgt dann eine Gesellschaft, deren Bürger die physische Kontrolle über ihre Infrastrukturnetze ausüben.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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