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Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

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Unsere Infrastruktur zeigt inzwischen vielerorts beträchtliche Mängel, die niemand von denen, die an der Macht sind, eingestehen und für deren Reparatur niemand zahlen will. Darum glaube ich, dass die Mächtigen begonnen haben, sich in Erwartung eines sozialen Zusammenbruchs einzubunkern, eines Zusammenbruchs, zu dem es kommen wird, wenn die öffentliche Infrastruktur oder die Wirtschaft zusammenbricht. Natürlich möchten die Regierenden das so lange wie möglich hinausschieben, aber da es an gemeinsamen Anstrengungen zur Behebung der strukturellen Mängel fehlt, wird die Weltwirtschaft eher früher als später kollabieren.

Darauf wird eine Zeit folgen, die sowohl Gefahren birgt als auch Chancen eröffnet. Wahrscheinlich werden Demagogen versuchen, aus dem Volkszorn und den Ressentiments Profit zu schlagen, und wahrscheinlich werden sie einzelnen sozialen Gruppen die Schuld an diesem Zusammenbruch in die Schuhe schieben. Durch zentralisierte Kontrolle der Medien und des Internets dürfte die Plutokratenklasse dann jedoch nicht im Brennpunkt des Volkszorns stehen. Stattdessen wird man die Schuld auf illegale Einwanderung, islamischen Radikalismus, säkularen Humanismus oder ein anderes demographisches Segment schieben. Ob das zu einer Reihe neofeudaler Hightech-Stadtstaaten führt, deren wohlhabende Schichten über NetJet-Mitgliedschaften von einem umzäunten Seerosenblatt zum anderen hüpfen, wird die Zeit zeigen. Damit es kein Missverständnis gibt: Ich habe nichts gegen Reichtum. Wenn jemand etwas erfindet, etwas Innovatives oder Inspirierendes tut, verdient er es, belohnt zu werden. Aber es läuft etwas sehr schief, wenn die häufigste Quelle großen Reichtums heute darauf beruht, dass man im Finanzsystem zockt, Mittelschichtjobs vernichtet und keinerlei materiellen Wert erschafft.

Rieger: Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass der irrsinnige Drang nach Effizienz der Kern der Probleme ist, unter denen die Welt leidet. Zu diesem Schluss bin ich ausgehend von der Frage gelangt, was unsere westlichen Gesellschaften zunehmend unmenschlich und kaltherzig hat werden lassen. Eine der Antworten darauf ist, dass alle Arten menschlicher Arbeit, die standardisiert werden können, so dass sie sich digital quantifizieren, analysieren, optimieren und schließlich zu Parametern innerhalb von Algorithmen strukturieren lassen, am Ende mit ganz wenigen Ausnahmen zu geistlosen Niedriglohnjobs werden. Nur wenn man das menschliche, zufällige, schöpferische Element so weit wie möglich beschränkt oder eliminiert, kann man zuverlässige Voraussagen machen und betriebliche Prozesse uneingeschränkt optimieren. Auf die Frage, welche bisher geschriebene Software die schädlichste sei, habe ich einmal geantwortet: Excel - weil es die Dehumanisierung der Menschen zu Parametern in abstrakten Profitabilitätsmodellen, zu „menschlichen Ressourcen“, fördert.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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