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Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

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Suarez: Ich bin überzeugt davon, dass die plötzliche Fixierung auf „Sicherheitsgesetze“ sowohl im virtuellen Raum als auch in der physischen Realität aus der Erkenntnis resultiert, wie anfällig die moderne Welt - vor allem die Weltwirtschaft - selbst für geringfügige Störungen geworden ist. Mit diesem Trend geht die rasche Abkehr vom Rechtsstaat im Namen der „nationalen Sicherheit“ einher, wie etwa der Verlust an persönlichen Freiheitsrechten und das fortgesetzte Abhören ohne richterlichen Beschluss. Die rasche Aufgabe hochgeschätzter und schwer erkämpfter Rechte zeigt, dass hier etwas ganz falsch läuft. Historisch gesehen, geben Gesellschaften die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit auf oder pervertieren sie, wenn die Obrigkeit sich bedroht fühlt. Aber ich möchte behaupten, dass in vielen Ländern der Staat nicht mehr Träger der politischen Macht ist, sondern nur noch ein Agent der wahren Machthaber - des Ökosystems multinationaler Unternehmen. Und genau dieses System ist nun bedroht. Warum? In einem Wort: Effizienz.

Im letzten Jahrhundert hat das auf privatwirtschaftlichen Firmen basierende System weltweit in allen Industrien die Herrschaft errungen. Und das Grundprinzip von Firmen ist Effizienz. Die Konsolidierung der Landwirtschaft, der Medien, des Finanzwesens, der Telekommunikation, des Energiesektors et cetera in Großunternehmensstrukturen hat weite Teile des „Fettpolsters“ unserer Infrastruktur abgeschmolzen, die Profite erhöht und das Management zentralisiert. Doch solche „Fettpolster“ haben in der natürlichen Welt eine wichtige Funktion - sie helfen dem Organismus, plötzlich auftretende Probleme zu überleben. Und solche Probleme treten früher oder später auf: Unterbrechungen in der Versorgung mit Rohstoffen und anderen Ressourcen wie Öl, Trinkwasser, Kapital oder dergleichen; größere natürliche oder vom Menschen gemachte Katastrophen, subversive Aktivitäten von Außenseitern wie Terroranschläge oder von skrupellosen Insidern, etwa Wall-Street-Bankern.

Ein tatsächlich von Wettbewerb geprägter Markt, der vielfältigen konkurrierenden Interessen diente und in vernünftiger Weise reguliert wurde, um soziale Standards für Arbeitnehmer und Konsumenten zu sichern, lieferte früher dieses „Fettpolster“. Das war zwar nicht besonders effizient, aber dafür war ausgeschlossen, dass ein einziges korruptes Unternehmen fast die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zog oder eine Malware-Infektion die Versorgung einer ganzen Gesellschaft oder die Finanzmärkte paralysierte. Die blindwütige Deregulierung in den Vereinigten Staaten und anderswo beseitigte die Beschränkungen für Monopolbesitz in wichtigen Branchen, höhlte die steuerliche Grundlage für die Erhaltung der Infrastruktur aus und zerriss den Sozialvertrag zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Das Ergebnis war ein Präzisionssystem zur Verlagerung von Reichtum nach oben, das sich aber selbst anfällig für Subversion von innen und außen machte.

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