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Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

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Rieger: In Ihren Büchern sind sowohl die Menschen, die sich dem Daemon unterwerfen, als auch jene, die ihm Widerstand leisten, Teil einer vorbestimmten Geschichte. Sie bewegen sich durch eine Szenenfolge im Voraus konzipierter und festgelegter Ereignisse, und ihre Wahlentscheidungen sind nur Verzweigungen in den Modellierungsbäumen der Sobolschen Software. Wer ist in diesem Universum letztlich der Erzähler, wenn die Realität selbst zur Erzählung geworden ist? Wird schließlich alles Teil des Romans? Ist die poetische Logik am Ende dasselbe wie das Algorithmendesign? Und wer erzählt dann die neuen Geschichten in Sobols Universum, wenn alles zum Bestandteil seines Spiel-Plots geworden ist?

Suarez: Die Menschheit hat immer schon Geschichten erzählt - das sind die wiederkehrenden Mythen, die unsere Hoffnungen und Ängste darstellen. Da ist es nur recht, wenn diese Mythen auch die von uns geschaffenen Welten prägen. Im Falle des Daemon schuf Sobol einen epischen Zyklus, in dem Helden und Bösewichte nach der Vorherrschaft in einer die reale Welt überlagernden virtuellen Welt streben. Aber auch in dieser Welt kann man die Geschichte ändern, wenn man sie beherrscht. Man kann etwas hinzufügen oder entfernen oder ganz neue Mythen schaffen. So wächst denn das Daemon-Darknet selbst seinem Schöpfer rasch über den Kopf. Sobol hätte unmöglich voraussagen können, was die Nutzer mit der von ihm in Gang gesetzten Welt anfangen. In einem sehr realen Sinn wusste nicht einmal Sobol, wie die Geschichte enden würde. Er hoffte, sie werde es niemals tun.

Rieger: Algorithmen, die von menschlichem Verhalten „lernen“ können, begegneten mir zum ersten Mal bei Unternehmen wie Google und Amazon. Jede Suchanfrage eines Nutzers, kombiniert mit der Information, welchen Link aus der Liste der Suchergebnisse er schließlich anklickt, wird als Antwort betrachtet. Die Menschen werden nach ihren Aktivitäten und Reaktionen klassifiziert und zusammen mit anderen, die ihnen zu ähneln scheinen, in virtuelle Schubladen einsortiert. Wo liegen Ihres Erachtens die Grenzen einer auf solchen Techniken basierenden Vorhersage menschlichen Verhaltens? Schließlich interagieren wir mehr und mehr mittels solcher Systeme.

Suarez: Ich glaube nicht, dass uns so etwas wie die „Psychohistorik“ aus Isaac Asimovs „Foundation“-Trilogie droht, aber mir scheint das menschliche Verhalten in der modernen Welt insgesamt doch erstaunlich vorhersagbar zu sein. Und wo die Vorhersage versagt, gibt es Manipulation. Werbung ist letztlich Manipulation, und wir werden nun einmal ständig mit Werbung überschüttet.

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