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Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

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Suarez: Der Daemon ist eine medienübergreifende Maschine zum Lesen von Nachrichten und zur Manipulation von Menschen. Im Kern ist der Daemon ein logischer Baum - wenn auch ein dezentraler und komplexer. In seiner ursprünglichen, noch nicht in die Crowd ausgelagerten Verkörperung verfügte der Daemon über eine kurze Liste von Zielen: erstens Unternehmensnetzwerke infizieren; zweitens menschliche Gefolgsleute finden (unter Verwendung von Konsumentendaten und sozialen Netzwerken); und drittens die Aktivitäten der menschlichen Gefolgsleute nutzen, um Aufgaben auszuführen. Der Daemon stellt Menschen Aufgaben, sorgt mit Anreizen oder Drohungen dafür, dass diese ausgeführt werden, und durchsucht öffentliche Nachrichtenquellen, um festzustellen, ob und wann diese Aufgaben ausgeführt worden sind. In keinem Fall „versteht“ der Daemon tatsächlich das von ihm überwachte Geschehen. Er verlässt sich auf Augen und Ohren seines menschlichen Netzwerks - auf Menschen, die für das Überleben des Systems arbeiten.

Natürlich übersteigt die Entwicklung einer dezentralen, beschränkten künstlichen Intelligenz wie des Daemon die Möglichkeiten eines Einzelnen, aber das gilt für die meiste Software. Der fiktive Gegenspieler in meinen Büchern, Matthew Sobol, war Technikchef eines erfolgreichen Herstellers von Computerspielen und nutzte die Talente zahlreicher Entwickler, die gar nicht wussten, welchen Zwecken ihre Arbeit tatsächlich diente. Sobol gab dem System die ersten Ziele vor, aber als neue Daemon-Mitglieder an Macht gewannen, begannen auch sie, eigene Aufgaben zu stellen - und damit den logischen Baum des Systems zu erweitern. Als der Daemon dann Millionen von Gefolgsleuten hatte, war es nicht mehr das gleiche System, wie Sobol es konzipiert hatte. Es entwickelte sich unter der Führung seiner eigenen Priesterkaste.

Der größere Durchbruch in der Produktivität und wohl auch Qualität, an den Sie denken, ist demnach schon erfolgt: das Crowd-Sourcing. Der „sich selbst verbessernde Algorithmus“ sind die sich ständig weiterentwickelnden Anstrengungen einzelner Menschen, die innerhalb eines Reputationssystems arbeiten - beim Daemon innerhalb eines Systems, das sie tötet, falls sie es zu zerstören versuchen, sie aber reich belohnt, wenn sie es verbessern. Statt selbst zu entscheiden, misst der Daemon den Erfolg an den zustimmenden oder ablehnenden Meinungen von Millionen seiner menschlichen Mitglieder.

Könnte solch ein System vollkommen fehlerfrei funktionieren? Nein, aber der Daemon besitzt keinen zentralen Kern. Sobol bemühte sich, einzelne Fehlerquellen auszuschalten. Fehler können zwar tödlich für einen Ausführungsstrang - oder in diesem Fall: für einen menschlichen Nutzer - sein, aber sie beeinträchtigen nicht den Gesamtorganismus.

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