https://www.faz.net/-gsf-avd

Gespräch mit Daniel Suarez : Wir werden mit System erobert

  • Aktualisiert am

Suarez: Ich glaube ganz sicher nicht, dass wir uns Maschinen - oder den Algorithmen, die sie steuern - unterwerfen sollten, aber diese Veränderung ist längst im Gang. Computernetzwerke und die darin bewegten Daten sind zur Plattform für die menschliche Gesellschaft geworden, und unsere Gesellschaft kommt gar nicht umhin, über die Struktur dieses Netzwerks nachzudenken. Dieses Netzwerk hat keine demokratische Struktur, denn es ist von gewaltigen Machtungleichgewichten geprägt, und auch unsichtbare Mächte, ob staatlicher, privatwirtschaftlicher oder krimineller Art, lauern dort, die niemandem rechenschaftspflichtig sind. Innerhalb dieses Datenmeers „schwimmen“ die Software-Bots wie in der Ursuppe. Sie haben Macht über die Daten, und die Daten haben Macht über uns. Denn für die Gesellschaft sind wir die Summe unserer Daten.

In diesem Sinne sind Algorithmen die Gesetze des 21. Jahrhunderts - die zahllosen gehorsamen Vollstrecker des wuchernden hierarchischen sozialen Systems. Sie gleichen unserem offiziellen gesetzlichen Rahmen und erlangen zunehmend eine ähnliche Macht über uns. Algorithmen kodifizieren den Willen ihrer Schöpfer. Indem sie Regeln und Parameter festlegen, begrenzen sie den menschlichen Einfluss, strukturieren unsere Interaktionen, kanalisieren das Spektrum der Möglichkeiten in eine endliche Zahl von Pfaden. Wenn unser Input in diesem System zu keinem befriedigenden Ergebnis führt, bleibt uns keine andere Wahl, als unseren Input zu verändern, denn nicht die Algorithmen, sondern wir haben uns dort zu verändern.

Gesetze und Algorithmen haben in dieser Hinsicht einige dehumanisierende Eigenschaften gemein. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen juristischen und algorithmischen Gesetzen. Der Mensch gilt im neuen algorithmischen Rahmen nicht als unschuldig. Hier sind es die Algorithmen, die bis zum Beweis des Gegenteils, also der Schuld, als gutartig oder unschuldig gelten - und selbst dann besteht eine Tendenz zu der Annahme, das System habe eine subtile Komplexität berücksichtigt, die wir als Außenstehende nicht verstünden. In meiner sechzehnjährigen Laufbahn im IT-Bereich habe ich erlebt, dass man menschliche Entscheidungen schon in beträchtlichem Maß Algorithmen überlassen hat, und ich erwarte, dass dieser Trend sich fortsetzt.

Sowohl in „Daemon“ als auch in „Darknet“ postuliere ich eine Welt, in der Software-Bots für die Durchsetzung der sozialen Ordnung sorgen, einschließlich der Strafgerichtsbarkeit. Aber in dieser Welt ist diese Struktur dazu da, dass die Menschheit den Bots den Mantel der Gerechtigkeit wieder abnimmt. Der Menschheit wird die Bürde auferlegt, ihre Freiheit zu rechtfertigen, und der Weg wird ihr ganz buchstäblich aufgezeigt. Im realen Leben ist dieser Weg nicht so klar erkennbar, aber die Gefahr einer technologisch gestützten Despotie ist tatsächlich sehr real.

Weitere Themen

Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.