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Gesichtserkennung : Die tausend Augen der Biometrie

Der Zoom auf die Symbole schafft Einblick ins Facebook-Profil Bild: Screenshot von www.wembley360.wembleystadium.com

Kaum hat Facebook seine Gesichtserkennung gestartet, sieht man die markierten Bilder schon im Netz treiben. Die Vorbereitungen für den breitflächigen Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie im Alltag sind im Gang.

          Vor wenigen Wochen hat Facebook seinen Gesichtserkennungsdienst gestartet. Beim Hochladen eines Bildes laufen die Dateien durch einen biometrischen Scanner und werden namentlich markiert. Die Funktion ist auf den Freundeskreis innerhalb des sozialen Netzwerkes beschränkt. Facebook führte sie in üblicher Unverfrorenheit ohne Vorwarnung ein und räumte nach Protest die Möglichkeit ein, sie nachträglich auszuschalten. Dies zu tun kostet einige Mühe, und es verhindert nicht, dass die Etikettierung in Facebooks Datenbank bleibt. Der Dienst ist praktisch für die Mitglieder, die jetzt nicht mehr jedes einzelne Bild beschriften müssen. Er ist es auch für das Netzwerk selbst.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kein Unternehmen verfügt über so viele Bilder wie Facebook. Jeden Tag markieren seine Mitglieder hundertmillionenfach Freunde auf Fotos, die Vorschläge des neuen Dienstes werden diese Aktivität noch einmal steigern und damit die Werbeeinnahmen in die Höhe treiben. Wie immer ist es undurchschaubar, was mit dem erweiterten Personenwissen geschieht. Obwohl die Fotos im Besitz der Mitglieder bleiben, darf Facebook mit ihnen innerhalb der Plattform handeln und sie seinen Werbepartnern zur Verfügung stellen.

          Fahndung unter Freunden

          Wenige Wochen später sieht man die etikettierten Bilder schon über die halböffentliche Sphäre des Netzwerks hinaustreiben. „Gigatagging“ heißt ein neues Phänomen, bei dem auf Fotos von Massenveranstaltungen einzelnen Personen ihre Facebook-Profile zugeordnet werden. Noch ist die Zahl solcher Bilder überschaubar. Ein Foto auf der Website „Gigapixel”, die imposante Panoramabilder ausstellt, zeigt eine dichtgedrängte Ansammlung von Eishockey-Fans im Zentrum des kanadischen Vancouver Mitte Juni, kurz bevor es zu Ausschreitungen nach dem verlorenen Stanley-Cup-Finale kam. Das Bild ist über eine Schnittstelle mit Facebooks Infrastruktur verbunden.

          Nach dem Glastonbury-Festival 2010 fanden sich knapp zehntausend „Freunde” hinterher im Netz wieder

          Die Website setzt auf „Crowdsourcing“, die Auslagerung großer Projekte im Netz an eine große Zahl von Freiwilligen. Sie animiert den Betrachter, sich selbst und andere auf dem Bild zu markieren, was nicht immer funktioniert, die Technologie hat offenkundige Mängel, aber die Zahl korrekt identifizierter Personen ist doch beträchtlich. Je mehr dem Appell nachkommen, desto mehr farbige Kreise legen sich auf das Bild. Es ist wie ein großes Luftballonsteigen, nur dass sie nicht abheben und das Heranholen der Symbole den Namen und das Facebook-Profilbild erkennen lässt, deutlich einsehbar für jeden im Netz.

          Den Eishockey-Freunden wird das sportliche Ziel vorgelegt, mehr als 10 000 solcher Verbindungen zu schaffen und damit eine neue Höchstmarke im Gigatagging zu setzen. Lange wird die Rekord-Motivation nicht reichen. Deshalb empfiehlt man die Gigatags auch als Strategie zur Markenbindung. Konzerten, Sportereignissen und Verkaufsschauen könnten sie einen Nachhall geben im sozialen Netz, lang über ihr Ende hinaus. Man beschwört die Möglichkeit, sich dort weiter auszutauschen oder fasziniert das eigene Gesicht in der Menge zu erkennen – als würde man unter sich bleiben.

          Objekte der Biometrie

          Die Sache ist aber kein harmloser Spaß unter Freunden. Vorgeblich können nur Mitglieder von Facebook einander markieren und dabei nur auf ihre Freundesliste zurückgreifen. Die zahlreichen Fehlzuweisungen auf manchen Bildern sind aber ein Indiz dafür, dass sie auch durch eine automatische Gesichtserkennung gelaufen sind. Alexander Nouak vom Fraunhofer-Institut für graphische Datenverarbeitung hält es beim heutigen Stand der Technik bereits für möglich, einzelne Personen auf einer Massenaufnahme per Gesichtserkennung zu identifizieren; der Erfolg hänge von der Bildauflösung ab.

          Wer nicht benannt sein möchte, kann nachträglich zwar die Löschung veranlassen, aber eben erst hinterher. Bis zum Widerspruch und dem Verschwinden vergeht eine Zeitspanne, in der nicht nur jeder sehen kann, wo man zu einem bestimmten Zeitpunkt gewesen ist und wozu man sich dort vielleicht hat hinreißen lassen. Die Personen werden auch zum Objekt der Biometrie.

          Für biometrische Fahnder sind die Massentags eine willkommene Gelegenheit, ihre Profile zu schärfen. Gesichtserkennungstechnologien sind noch leicht aus dem Takt zu bringen. Jedes namentlich identifizierte Bild im Netz macht es leichter, die abgelichtete Person auch auf zukünftigen Bildern automatisch zu erkennen. Facebooks Bilderflut ist ein Schritt, dem weitere bald folgen werden. Die Biometrie ist eine rasant wachsende Technologie, die Absatzmärkte sucht. Die Vereinigten Staaten investieren derzeit eine Milliarde Euro in ein Identifizierungsprogramm. Seit der Einführung biometrischer Pässe steht ein riesiges Archiv zum Datenabgleich bereit. Die polizeilichen Versuche, die elektronischen Bildbestände nutzbar zu machen, ließen nicht lange auf sich warten. Am Frankfurter Flughafen testet die Bundespolizei ein Verfahren, bei dem ein Algorithmus das Gesicht der Passagiere mit dem registrierten digitalen Passfoto abgleicht. Kontrolleure kommen nur sporadisch zum Einsatz. An den Flughäfen im portugiesischen Faro und in Manchester ist man über das Versuchsstadium hinaus. Auch das „Smart Gate“ in Neuseeland und Australien schleust Personen rein maschinell durch die Kontrollen.

          Die Grenzen des technisch Machbaren sind in ständiger Verschiebung und werden von mächtigen Kontrollphantasien vorangetrieben. Es gibt Projekte, deren erklärtes Ziel es ist, Personen beim Kameraschwenk über Menschenmassen oder im Vorübergehen zu identifizieren. Ein Feldversuch des Bundeskriminalamts zur Fahndung nach Terrorverdächtigen am Mainzer Hauptbahnhof filmte vor vier Jahren zweihundert Testpersonen beim Passieren der Rolltreppe. Die Erkennungsrate der biometrischen Analyse lag bei sechzig bis siebzig Prozent, zu gering für den Praxiseinsatz im öffentlichen Raum. Doch die Vision dahinter ist klar erkennbar: Personen aus den polizeilichen Datenbanken mit Kameras aus jeder beliebigen Menschenmenge herauszufiltern. Die Kamera erkennt das Gesicht und schlägt Alarm.

          Ungefragte Schaufensterobjekte

          Noch hat die Technologie an vielen Stellen mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Schlecht ausgeleuchtete Bilder, schräge Perspektiven bringen die Algorithmen ins Stottern. Videoüberwachungssysteme haben die Gesichtserkennung im Vorbeigehen trotzdem vielfach schon eingebaut, wie Frank Rieger und Constanze Kurz in ihrem Buch „Die Datenfresser“ schreiben. Man rechnet offensichtlich mit ihrem künftigen Einsatz. Das Bild einer Gesellschaft, in der Passanten im öffentlichen Raum breitflächig von Kameras auf Verhaltensauffälligkeiten geprüft werden, in der ein beschleunigter Schritt genügt, um sich verdächtig zu machen, ist kein reines Science-Fiction-Szenario mehr. Überwachungskameras können schon heute das Profil einer Person nahtlos einander weiterreichen. Experten halten es für wahrscheinlich, dass Gesichtsfahndung per Videokamera im privaten und polizeilichen Sektor bereits angewendet wird, ohne jedoch sagen zu können, wo es geschieht.

          Wirtschaft und Marketing werden sich die Technologie nicht entgehen lassen. Das Wissen über Aufenthaltsorte schärft das Kundenprofil, und digitale Profile sind eine einträgliche Handelsware. Das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen hat ein Programm zur automatischen Auswertung von Mimik entwickelt, das Gesichter nach Stimmungslage analysieren kann. Marktforscher sollen daraus ihre Schlüsse ziehen. Vielleicht wird man dem Kunden in Zukunft beim Eintritt in ein Geschäft die Wünsche per Kamera vom Gesicht ablesen können, zumindest jene, die sein digitales Profil erwarten lassen. Wer die solchen Programmen zugrunde liegenden, groben Verbindungen zwischen Mimik und Innenleben aus der Kognitionswissenschaft kennt, mag lieber sein Gesicht verbergen.

          Am Ende wird fast jedes Bild im Netz weiterführende Hinweise auf unsere Identität enthalten. Für den nächsten Schritt in diese Richtung, die Gesichtserkennung per Mobiltelefon, hat Google mit „Goggles“ bereits eine passende Software entwickelt, hält sie aus Gründen des Privatsphärenschutzes aber zurück. Wenn Facebook jetzt mit seiner Gesichtserkennung voranschreitet, kann es für Google ein Argument sein, die Zurückhaltung aufzugeben. Man könnte sich dann kaum noch dagegen wehren, ungefragt zum Schaufensterobjekt zu werden. Unser Verhalten würde sich neutralisieren und uns unangreifbar machen. Wir würden Unterhaltungen führen, in denen unsere Gesprächspartner unsere Äußerungen mit einem Gesichtsausdruck kommentierten, als hätten sie sie schon erwartet, und in denen sie das Gespräch umsichtig so lenkten, dass wie durch ein Wunder immer mehr gemeinsame Interessen berührt würden. Das seltsame Gefühl, nicht zu wissen, was andere über uns wissen, und der Macht dieses Wissens ausgeliefert zu sein wäre eine tägliche Erfahrung.

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