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Gesichtserkennung : Die tausend Augen der Biometrie

Für biometrische Fahnder sind die Massentags eine willkommene Gelegenheit, ihre Profile zu schärfen. Gesichtserkennungstechnologien sind noch leicht aus dem Takt zu bringen. Jedes namentlich identifizierte Bild im Netz macht es leichter, die abgelichtete Person auch auf zukünftigen Bildern automatisch zu erkennen. Facebooks Bilderflut ist ein Schritt, dem weitere bald folgen werden. Die Biometrie ist eine rasant wachsende Technologie, die Absatzmärkte sucht. Die Vereinigten Staaten investieren derzeit eine Milliarde Euro in ein Identifizierungsprogramm. Seit der Einführung biometrischer Pässe steht ein riesiges Archiv zum Datenabgleich bereit. Die polizeilichen Versuche, die elektronischen Bildbestände nutzbar zu machen, ließen nicht lange auf sich warten. Am Frankfurter Flughafen testet die Bundespolizei ein Verfahren, bei dem ein Algorithmus das Gesicht der Passagiere mit dem registrierten digitalen Passfoto abgleicht. Kontrolleure kommen nur sporadisch zum Einsatz. An den Flughäfen im portugiesischen Faro und in Manchester ist man über das Versuchsstadium hinaus. Auch das „Smart Gate“ in Neuseeland und Australien schleust Personen rein maschinell durch die Kontrollen.

Die Grenzen des technisch Machbaren sind in ständiger Verschiebung und werden von mächtigen Kontrollphantasien vorangetrieben. Es gibt Projekte, deren erklärtes Ziel es ist, Personen beim Kameraschwenk über Menschenmassen oder im Vorübergehen zu identifizieren. Ein Feldversuch des Bundeskriminalamts zur Fahndung nach Terrorverdächtigen am Mainzer Hauptbahnhof filmte vor vier Jahren zweihundert Testpersonen beim Passieren der Rolltreppe. Die Erkennungsrate der biometrischen Analyse lag bei sechzig bis siebzig Prozent, zu gering für den Praxiseinsatz im öffentlichen Raum. Doch die Vision dahinter ist klar erkennbar: Personen aus den polizeilichen Datenbanken mit Kameras aus jeder beliebigen Menschenmenge herauszufiltern. Die Kamera erkennt das Gesicht und schlägt Alarm.

Ungefragte Schaufensterobjekte

Noch hat die Technologie an vielen Stellen mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Schlecht ausgeleuchtete Bilder, schräge Perspektiven bringen die Algorithmen ins Stottern. Videoüberwachungssysteme haben die Gesichtserkennung im Vorbeigehen trotzdem vielfach schon eingebaut, wie Frank Rieger und Constanze Kurz in ihrem Buch „Die Datenfresser“ schreiben. Man rechnet offensichtlich mit ihrem künftigen Einsatz. Das Bild einer Gesellschaft, in der Passanten im öffentlichen Raum breitflächig von Kameras auf Verhaltensauffälligkeiten geprüft werden, in der ein beschleunigter Schritt genügt, um sich verdächtig zu machen, ist kein reines Science-Fiction-Szenario mehr. Überwachungskameras können schon heute das Profil einer Person nahtlos einander weiterreichen. Experten halten es für wahrscheinlich, dass Gesichtsfahndung per Videokamera im privaten und polizeilichen Sektor bereits angewendet wird, ohne jedoch sagen zu können, wo es geschieht.

Wirtschaft und Marketing werden sich die Technologie nicht entgehen lassen. Das Wissen über Aufenthaltsorte schärft das Kundenprofil, und digitale Profile sind eine einträgliche Handelsware. Das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen hat ein Programm zur automatischen Auswertung von Mimik entwickelt, das Gesichter nach Stimmungslage analysieren kann. Marktforscher sollen daraus ihre Schlüsse ziehen. Vielleicht wird man dem Kunden in Zukunft beim Eintritt in ein Geschäft die Wünsche per Kamera vom Gesicht ablesen können, zumindest jene, die sein digitales Profil erwarten lassen. Wer die solchen Programmen zugrunde liegenden, groben Verbindungen zwischen Mimik und Innenleben aus der Kognitionswissenschaft kennt, mag lieber sein Gesicht verbergen.

Am Ende wird fast jedes Bild im Netz weiterführende Hinweise auf unsere Identität enthalten. Für den nächsten Schritt in diese Richtung, die Gesichtserkennung per Mobiltelefon, hat Google mit „Goggles“ bereits eine passende Software entwickelt, hält sie aus Gründen des Privatsphärenschutzes aber zurück. Wenn Facebook jetzt mit seiner Gesichtserkennung voranschreitet, kann es für Google ein Argument sein, die Zurückhaltung aufzugeben. Man könnte sich dann kaum noch dagegen wehren, ungefragt zum Schaufensterobjekt zu werden. Unser Verhalten würde sich neutralisieren und uns unangreifbar machen. Wir würden Unterhaltungen führen, in denen unsere Gesprächspartner unsere Äußerungen mit einem Gesichtsausdruck kommentierten, als hätten sie sie schon erwartet, und in denen sie das Gespräch umsichtig so lenkten, dass wie durch ein Wunder immer mehr gemeinsame Interessen berührt würden. Das seltsame Gefühl, nicht zu wissen, was andere über uns wissen, und der Macht dieses Wissens ausgeliefert zu sein wäre eine tägliche Erfahrung.

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