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Facebook vermarktet Gesichtserkennung : Ich sehe dir in die Augen, Kleines, und du weißt es nicht

Mit vierundachtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ist das Chloe: Manchmal braucht „Klik“ noch Nachhilfe Bild: Face.com

Mit der Übernahme von Face.com schafft sich Facebook eine Gesichtserkennung für Smartphones an. Jetzt kann das Unternehmen seine Nutzer zeit-, ort- und personenspezifisch mit Werbung beschicken.

          Wenn man Gil Hirsch glauben will, ist alles ein einziges großes Vergnügen: Der alltägliche Einsatz der Gesichtserkennungssoftware, die das von ihm vor fünf Jahren mitgegründete Unternehmen Face.com entwickelt hat - ein Spaß! Das Programmieren von Anwendungen wie „Phototagger“ und „Celebrityfinder“, mit denen der Nutzer automatisch die Bilder ganzer Online-Alben nach bekannten Gesichtern oder Twitter nach frisch veröffentlichten Prominentenfotos durchsuchen lassen kann - so etwas lieben die Mitarbeiter von Face.com.

          Die im Mai veröffentlichte App „Klik“ verbindet die Kamera eines Smartphones mit Facebook und ordnet dem Gesicht im Display noch vor der Aufnahme einen Namen zu. Im Zweifelsfall sind es mehrere Namen, und der Nutzer kann den richtigen bestätigen. Ein wenig aufgepeppt und mit der passenden Bildunterschrift versehen, lässt sich das Bild direkt vom Smartphone aus auf Facebook veröffentlichen. Ein Freundschaftsdienst. Jetzt hat der amerikanische Gigant das Start-up-Unternehmen aus Tel Aviv für, wie kolportiert wird, etwa sechzig Millionen Dollar gekauft. Facebook sei ohnedies Teil des täglichen Lebens der Leute von Face.com. „Wir mögen unsere Freunde bei Facebook“, schreibt Gil Hirsch im Unternehmensblog nach Bekanntwerden der Übernahme.

          Testfeld Werbung

          Ein Sprecher von Facebook erklärt die Freundschaft so: „Leute, die Facebook nutzen, teilen gern ihre Fotos und Erinnerungen mit ihren Freunden, und die Technologie von Face.com hat dabei geholfen, die besten Fotoerlebnisse zu liefern.“ Mit der Übernahme wappnet sich das Unternehmen im Kampf um die Nutzergunst bei von unterwegs ins Netz hochgeladenen Fotos. Erst im April hatte Facebook den Handy-Fotodienst Instagram für eine Milliarde Dollar gekauft, mit dessen kostenlosem Programm per Smartphone geschossene Fotos bearbeitet und anschließend auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken veröffentlicht werden können. Wenige Wochen später wurde die App „Facebook Camera“ zum Aufnehmen und Teilen von Handy-Fotos veröffentlicht, die vorerst nur für iPhone verfügbar ist.

          Die Beobachtung der Nutzer im Netz hat sich, wie der Datenanalyst Krux Digital berichtet, seit November 2010 mehr als vervierfacht. Inzwischen wird das gewöhnliche Aufrufen einer der fünfzig meistbesuchten Seiten im Netz von durchschnittlich 56 Instanzen erfasst und ausgewertet. In diesem Markt bewegt sich „Facebook Exchange“, die Versteigerung von Werbeflächen direkt auf den Facebook-Seiten einzelner Nutzer, pass- und zeitgenau zu deren individuellen, aktuellen Konsuminteressen. Mit den Entwicklungen von „Face.com“ können die Nutzer und ihre Freunde auch im wirklichen Leben verfolgt und mit passender Werbung beschossen werden: Gut möglich, dass der Nutzer künftig, sobald er ein Foto hochgeladen hat, mit einer Werbeschaltung auf seinem Smartphone auf den hervorragenden, sensationell günstigen Kaffee hingewiesen wird, den es für ihn und seine Freunde gleich hinter der nächsten Ecke gibt. Datenabgleich: Dort ist sogar noch Platz. Oder auf den Laden hundert Meter weiter, in dem er sicher etwas findet, womit er der eben fotografierten Dame (Datenabgleich) ihrem Facebook-Profil zufolge eine Freude machen kann. Datenabgleich: Sie hat bald Geburtstag. Was für ein Spaß!

          Und das ist erst der Anfang: Selbstverständlich lässt sich diese Technologie nicht nur für die Werbezufuhr nutzen, sondern etwa auch dafür, den Lebenswandel eines Stellenbewerbers zu erfassen. Oder den eines Mitarbeiters, dessen Arbeitsleistung zu wünschen übriglässt. Wer bei Facebook ist, wird überall erkannt.

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