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Facebook : Generation Warum?

  • -Aktualisiert am

Die britische Schriftstellerin Zadie Smith Bild: ASSOCIATED PRESS

Die 500 Millionen Mitglieder von Facebook liefern sich der Gedankenwelt eines jungen Nerds aus, dessen Werte die meisten von ihnen wohl kaum teilen. Das Ziel ist eine gleichförmige Welt. Ein Essay der britischen Schriftstellerin Zadie Smith.

          14 Min.

          Wie lange dauert eine Generation heutzutage? Ich gehöre vermutlich zu Mark Zuckerbergs Generation (wir sind nur neun Jahre auseinander), doch es fühlt sich nicht so an. Obwohl ich (wie jeder, der im Herbst 2003 auf dem Harvard-Campus war) sagen kann, dass ich dabei war, als es mit Facebook losging. Ich erinnere mich an Facemash und die ganze Aufregung darüber. Auch an den schönen Filmstar, dem junge Fans durch den Schnee hinterherliefen, und überhaupt an den Schnee, der so schlimm war, dass die Zehen sich grau verfärbten und alle Lebensgeister einfroren und ein Eichhörnchen vor meinem Haus ein unblutiges Ende fand - erstarrt, leblos, perfekt wie eine Blaschka-Glasblume. Noch in vielen Jahren werde ich glauben, ich sei Zuckerberg nahe gewesen, so wie jeder im Liverpool der sechziger Jahre John Lennon kannte.

          Tatsächlich waren Zuckerberg und all die Harvard-Kids mir fern. Daran hat sich bis heute nichts geändert, zumal ich (bewusst, zwangsläufig) auf all die Dinge verzichte, die ihnen wichtig sind. Wir haben andere Vorstellungen, vor allem ein anderes Menschenbild. Ich frage mich oft, ob meines nicht nostalgisch, irrational, unzutreffend ist. Vielleicht hat die Generation Facebook ihre virtuellen Häuser für die Web-2.0-Menschen in gutem Glauben gebaut, und wenn ich mich darin unwohl fühle, dann deswegen, weil ich über den 1.0-Mensch nicht hinausgekommen bin. Doch je mehr ich mich mit der Generation Facebook (in Gestalt meiner Studenten) befasse, desto überzeugter bin ich, dass ein Großteil der sie prägenden Software ihrer unwürdig ist. Sie sind interessanter, sie haben Besseres verdient.

          Der Film „The Social Network“ schafft das fast, erstaunlicherweise, so dass er gelungener wirkt, als er wohl objektiv ist. Schon die Eingangsszene macht klar, dass es ein Film über 2.0-Menschen von 1.0- Menschen ist (Drehbuchautor Aaron Sorkin ist 49, Regisseur David Fincher 48). Es wird viel geredet, so viel und so schnell wie in Howard Hawks' „Sein Mädchen für besondere Fälle“. Ein junger Mann (Mark) sitzt mit seiner Freundin (Erica) in einer Studentenkneipe, und sie reden in jener unerbittlichen Sorkinschen Art aufeinander ein, die durch „West Wing!“ berühmt wurde.

          Rachefeldzug eines Nerds: Mark Zuckerberg
          Rachefeldzug eines Nerds: Mark Zuckerberg : Bild: dapd

          Etwas stimmt aber nicht mit diesem jungen Mann. Sein Blick ist nervös, übliche Redewendungen oder sprachliche Nuancen scheint er nicht zu verstehen, er ist auf geradezu aggressive, verletzende Weise pedantisch. Er begreift nicht, dass Erica mit ihm Schluss machen will („Moment, ist das real?“), geschweige denn, warum. Ihm ist nicht klar, dass Tatsachenbeschreibungen verletzen können.

          Kurzum, er ist ein Nerd, ein Autist - ein Typus, der den Zuschauern so vertraut ist wie seinerzeit Howard Hawks' zynischer Reporter. Sorkin kann Zuckerberg mit wenigen Strichen zeichnen. Wir wussten, dass wir diesem Typus begegnen würden, und so sieht man Sorkin mit großem Vergnügen dabei zu, wie er unser Bild von Zuckerberg mit Leben erfüllt. Manchmal macht sich die Allgemeinheit ein Bild von jemandem. Wissen wir nicht alle, was Nerds wollen? Reichtum, Berühmtheit, Mädchen. Sorkin entwickelt eine hinreißende Story von zweifacher Zurückweisung: von Erica und dem Porcellian Club abgelehnt, beginnt Zuckerberg seinen Rachefeldzug.

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