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Dossier : Deutsche Blogger

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Die Veranstalter haben kein kabelloses Internet in den Saal gebracht, absichtlich, die Leute im Publikum sollten zuhören, aber da alle ihr Handy dabei haben oder viele einen Laptop, mit dem sie sich einwählen können, schalten sie sich ebenfalls in die Debatte ein, während eine Zeichnerin neben der Bühne versucht, das Geschehen auf Papier festzuhalten. Es schweben so viele Ebenen auf einmal durch den Raum, dass keine die Aufmerksamkeit länger binden kann, und hochbeschleunigt tritt die Veranstaltung auf der Stelle, so als habe sie keine Zeit und unendlich viel zugleich.

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Twitter ist das Prinzip des Kettenbriefs im Internet, und genauso schnell hat es sich auch verbreitet. Es ist ein Dienst, in den sich kleine Mitteilungen wie in eine Schleuder einspannen lassen. Vervielfacht um die Anzahl der Bekannten, die ein Nutzer hat, werden sie ins Netz geschickt, dort von anderen aufgenommen und um deren Bekannte vervielfacht weitergeleitet. Innerhalb von Minuten kann die Nachricht von einem Erdbeben in Haiti, einer Demonstration in Iran oder der Notwasserung eines Flugzeugs vor New York um die Welt gehen. Der Dienst wird gern als Microblog bezeichnet, dabei ist er viel zu flüchtig, Einträge sind schon nach Tagen wieder verschwunden, und es bedarf eines großen Aufwands, um in ihm ein Faktor zu werden. Wenige wichtige Blogger sind auch wichtige Twitterer, und das war sicher das Verstörende daran, dass etwas Neues auftauchen konnte, das sich nicht einmal die Mühe machte, die Hierarchie einzuebnen. Es baut an anderer Stelle einfach eine neue auf.

Felix Schwenzel erzählt zum Schluss noch eine Geschichte vom Anfang. Er schreibt unter wirres.net und war einer der ersten Blogger in Berlin. Bevor er kam, hatte er eine Lehre als Schreiner gemacht, sich unterfordert gefühlt, Architektur studiert und an der Universität ins Internet gefunden. Er mochte den Moment, wenn man etwas an einen Ort stellt, der so weit ist, dass es darin auch verloren gehen könnte, aber andere lesen es und schreiben zurück. Aber so sagt er es nicht.
Er sagt: „Man wirft einen Stein ins Wasser und löst einen Tsunami aus.“

Felix Schwenzel arbeitet als Webdesigner, er hat nicht darüber nachgedacht, aus dem Bloggen einen Beruf zu machen, was nicht heißen soll, dass es ihm nicht um Wirkung geht. Wenn er von den letzten zehn Jahren erzählt, spricht er oft von Streits und Fronten, es spielen große Firmen eine Rolle und Veranstaltungen, zu denen sonst nur Journalisten Zugang haben. Sein Blog wird von vielen hundert Leuten gelesen, es ist lustig, und das weiß er auch. Er will es aber immer wieder wissen.
„Kommt ein Echo oder verhallt es?“ fragt er sich.

Als im Sommer 2006 sich die Firma Opel von einer Werbeagentur einreden ließ, sie müsse jetzt auch etwas mit Bloggern machen, war Felix Schwenzel einer von vier, denen sie ein Auto gab, damit er darüber schrieb. Er legte offen, was ihm angeboten worden war, verfasste ein paar Texte, in denen es um Pollenfilter, Innenraumbeleuchtung und Getränkehalter ging und stellte schließlich fest, dass er das Auto nicht kaufen würde, es sei ihm zu vernünftig. War schon bei den Texten fraglich, ob Opel mit der Idee zufrieden sein konnte, das Echo in der Blogosphäre war niederschmetternd. Über Tage wurden die vier Blogger als „Arschlöcher“, „Straßennutten“ und „korrumpierte Rosettenlutscher“ beschimpft, woraufhin Felix Schwenzel einem seiner Kritiker androhte, ihn mit dem Auto zu besuchen und „die Fresse zu polieren“. Es war die erste große Werbeaktion in Blogs, zum ersten Mal ging es um mehr als nur, dass ein guter Text Kraft und Dreh haben müsse, und schon gab es Streit.
„Aber ich sehe natürlich das Problem der Glaubwürdigkeit“, sagt Felix Schwenzel.

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