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Dossier : Deutsche Blogger

  • -Aktualisiert am

Anne Roth (Schreibfehler nachträglich korrigiert) hat mit dem Bloggen angefangen, nachdem ihr Mann verhaftet worden war. Der Staatsanwalt warf ihm vor, Mitglied in einer linken, terroristischen Vereinigung zu sein. Ein Vorwurf, den sie so unhaltbar fand wie die meisten Medien, die später über den Fall berichteten. Einige Wochen lang schrieb sie über das Gefühl überwacht zu werden, das jede Regung des Alltags vergiftet, und stellte die Texte auf ihr Blog. Sie wollte das nicht für sich behalten, unternahm aber auch nichts, um gefunden zu werden. Als es dann passierte, weil Blogs wie netzpolitik auf sie hingewiesen hatten, bekam sie auf einen Schlag mehrere tausend Leser und tauchte in den Blogcharts auf.
„Da habe ich angefangen, ein bisschen zu spielen.“

Jeden Morgen schaute sie nun auf Seiten wie rivva, die anzeigten, welche Blogs in den letzten Stunden welche Texte geschrieben hatten und begann diese zu kommentieren. Sie merkte, dass sie schnell sein musste, weil nur die ersten Kommentare wahrgenommen wurden und dass nicht alle Artikel das Zeug hatten, eine Diskussion auszulösen. Wenn sie es geschickt anstellte und Zeit aufbrachte, dann konnte sie in diesem System ein Faktor werden. Es durfte sie nur nicht stören, dass sie es darin ausschließlich mit Männern zu tun hatte, die sich gegenseitig bestätigten, dass sie einander lasen und dass es sich fast immer um dasselbe drehte, das Netz und die Medien. Es störte sie aber.

„Alle haben davon geträumt, dass das Netz offen ist, weit und ohne Hierarchien“, sagt sie, „dabei ist es inzwischen ganz oft monothematisch, und es setzt sich der Stärkste durch.“

Anne Roth hat wieder aufgehört, rivva zu spielen, wie sie es nennt, weil es sie vom Schreiben abhielt, um das es ihr gegangen war. Sie hat noch immer keine Blogroll, in der sie auflistet, wen sie sonst liest, damit auch andere sie auflisten, und sie schreibt nur selten Kommentare. Sie hat einen Job in der Onlineredaktion des Bundestages, zwei Kinder und einen Mann mit einem Ermittlungsverfahren. Sie hat keine Zeit für so etwas. Das bedeutet nicht, dass es ihr nicht wichtig wäre, aber nicht so.

Frank Westphal ist eigentlich kein Blogger, er ist Programmierer, aber natürlich liest er Blogs. Er hatte sich über die Jahre angewöhnt, diejenigen, die ihn interessieren, in einem automatischen Abrufdienst zu abonnieren, der ihm die aktuellsten Beiträge zuschickt. Anfangs waren das ein paar dutzend, am Ende vierhundert, und er hatte die Übersicht verloren, was er inzwischen für logisch hält.
„Wir öffnen immer neue Kanäle“, sagt er, „aber wir kommen mit den Filtern nicht nach.“

Als er dann vor drei Jahren seinen Job als Programmierer kündigte, weil er ihn müde gemacht hatte, setzte er sich daran, einen Filter zu entwickeln, den er nicht ständig neu einstellen musste.

Er wählte aus seinen Diensten sieben Blogs aus, die das Themenspektrum abdeckten, das er beobachten wollte, dazu gehörten spreeblick, netzpolitik und wirres.net und baute eine Programm, das ihm nur Beiträge zeigte, die jene sieben Blogs in der letzten Zeit untereinander kommentiert oder weitergeleitet hatten. Er wollte die Texte nicht über den Inhalt filtern sondern über die Aufmerksamkeit, die sie innerhalb der sogenannten Blogosphäre, erregt hatten. Ohne sein Zutun sollte die Maschine rund um die Uhr Geschichten aus dem Informationsfluss fischen und auf einer Seite sortieren.
„Daher der Name“, sagt er, „rivva“.

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