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Dossier : Deutsche Blogger

  • -Aktualisiert am

Markus Beckedahl muss keine Kamera auf das Kanzleramt richten, er ist schon im Bundestag. Er sitzt auf der Besuchertribüne des Petitionsausschusses und verfolgt die Debatte, über ein Gesetz, das die frühere Bundesfamilienministerin dazu gedacht hatte, Kinderpornographie im Internet zu bekämpfen, das in diesem Internet aber nur „Zensursula“ genannt wird. 134.000 Unterschriften waren bei der Petition gegen das Gesetz zusammengekommen, mehr als die Bild-Zeitung für die Halbierung der Mineralölsteuer eingesammelt hatte. Es war nicht leicht, klarzumachen, dass es um den Schutz der Freiheit ging, nicht um die Verteidigung des Falschen. Aber so, wie der Petitionsausschuss gerade diskutiert, wird der Bundestag das Gesetz bald wieder aufheben.

„Wir mussten viel dazu lernen“, sagt die SPD. „Wir bedanken uns für die Aufklärung“, sagt die FDP. „Wir freuen uns über den Erfolg der Petition“, sagen die Grünen und die Linken auch. Nur die CDU ist dagegen.

Markus Beckedahl hat vor acht Jahren mit dem Bloggen begonnen. Er nahm an einer Konferenz zur Zivilgesellschaft teil, über die kein Journalist berichtete. Also schrieb er ins Netz, was passierte. Er hat sich für Politik interessiert, später für die SPD gearbeitet und ist noch später zu den Grünen gegangen. Aber er fand kein Verständnis für die Themen, aus denen sich der Name seines Blogs zusammensetzt - netzpolitik. Viele der Auseinandersetzungen, die das Netz in den letzten Jahren mit der Politik hatte, hat Markus Beckedahl begleitet oder organisiert. Er ist einer der wenigen Blogger, die außerhalb des Netzes gehört werden. Er sitzt im Fernsehen oder beim Innenminister, und den Text, den er jetzt über den Petitionsausschuss schreibt, werden mehr Menschen lesen als die Texte aller anderen Blogger, die mit ihm auf der Besuchertribüne sitzen. Aber das merkt man ihm nicht an. Anders Jörg Wittkewitz nimmt er sich nicht wichtiger als sein Thema, anders als Robin Meyer-Lucht hat er überhaupt eins.

„Ich will nicht reich oder berühmt werden“, sagt er, „ich will Politik machen, bessere Politik.“

Markus Beckedahl ist inzwischen ein wichtiger Faktor in der Blogosphäre, er kann Themen lenken, sie größer oder kleiner machen. Er weiß, dass darin eine Versuchung liegt, aber sie scheint ihn nicht zu reizen. Er klingt eher enttäuscht, wenn er sagt, dass es die Leute letztlich immer für dieselben Muster interessieren - klein gegen groß, Netz gegen Institution, jung gegen alt. Das ist der Kampf, in welchen die Blogosphäre offenbar gern zieht - kleine, junge Netzbewohner gegen große, alte Institution.

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Unter den Medien, die von Bloggern gern „Holzmedien“ genannt werden, gibt es einen Wettbewerb, der misst, welche Zeitung oder Zeitschrift von anderen am häufigsten zitiert worden ist. Die Folge davon ist allerdings kein besserer Journalismus gewesen sondern nur, dass alle einander beobachten, statt auf sich selbst zu schauen. Unter Bloggern gibt es das Instrument auch. Es nennt sich Blogcharts und führt die hundert bekanntesten von ihnen auf. Darunter finden sich seit Jahren dieselben Namen. Zwischen ihnen hat sich ein System herausgebildet, das immer wieder aufeinander Bezug nimmt und sich so selbst erhält. Es ist nicht anders als in den klassischen Medien. Wer groß ist, dem fällt es leicht, groß zu bleiben. Wer klein ist, muss sich arrangieren, sonst kommt er nicht hinein. Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Die ersten 34 Blogs werden alle von Männern geführt. Erst dann kommt eine Frau.

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