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Dossier : Deutsche Blogger

  • -Aktualisiert am

Der Begriff entstammte einem Buch, das einige Wochen zuvor erschienen war. Es trug den Titel „Wir nennen es Arbeit“, und seine Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo, Blogger der riesenmaschine, wollten darin zeigen, wie man ohne Festanstellung aber mit Internet sinnvoll leben konnte. Passagen ihres Buches hatten sie im Oberholz geschrieben, weswegen es naturgemäß vorkam. Sie waren ohnehin sehr oft ihr eigenes Beispiel. Ansgar Oberholz hatte nur ein Café betreiben wollen, in dem man nebenbei ein wenig arbeiten konnte, nun machten seine Gäste eine Lebenseinstellung daraus.
„Besser hätte ich es nicht treffen können“, sagt er.

Von da an berichteten die Medien häufig über das Oberholz. Die Leute mit den Laptops schienen die Boten einer neuen Arbeitswelt zu sein, deren Aussehen sich nun bebildern ließ. Ansgar Oberholz hat, bevor er das Café eröffnete, in der Werbung gearbeitet. Dort hatten sie auch immer versucht, einen Trend auszulösen, in dem sie ihn behaupteten. Oft hat das nicht geklappt.

* * *

In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende entstehen viele der heute bekannten Blogs. Sie heißen spreeblick, wirres.net, blogbar, bildblog, netzpolitik, basicthinking, riesenmaschine. Ihre Autoren kommen nicht alle aus Berlin, aber viele, sie treffen sich auf den Bloggerpartys, die Johnny Haeusler organisiert, veranstalten Bloggerlesungen und sind sich einig darin, Avantgarde zu sein. Die meisten von ihnen sind zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig, viele studieren, und einige haben bereits erfahren müssen, dass sie in den Organisationen, in denen sie eine Karriere beginnen wollen, Verlage, Agenturen, Parteien, nicht so frei arbeiten können, wie sie dachten. Also entscheiden sie sich dafür, außerhalb der verknöcherten Strukturen etwas aufzubauen. Sie haben Zeit, das Leben in Berlin ist günstig, und Bloggen das Hobby, das ihnen ihre Eltern bezahlen, bis sie davon leben können.

Jörg Wittkewitz hat zehn Jahre lang versucht, Maler zu werden, bevor er sein Abitur nachholte, an der Fernuniversität Philosophie studierte, und, da war er schon dreißig, als Werkstudent bei IBM nicht umhinkam, den Managern dort Denken wie aus dem neunzehnten Jahrhundert zu bescheinigen. Danach verfasste er einen, wie er sagt, heute noch legendären Artikel über Wissensmanagement für eine Computerzeitschrift, verdiente Geld mit Werbetexten über Software, bis die Firma, die er damit aufgebaut hatte, abgewickelt wurde und er mit dem Bloggen begann. Darauf kommt er dann nach einer Stunde Gespräch.
„Bloggen ist ein Lebensentwurf“, sagt Jörg Wittkewitz.

In dieser Stunde war es um die Romanciers des neunzehnten Jahrhunderts gegangen, die Heisenbergsche Unschärferelation, Arbeitsteilung im Fordismus, die Zeitvorstellung der Maya, die Bedürfnispyramide eines Herrn Maslow, Personenfragebögen eines Herrn Belbin, einen russischen Revolutionär namens Godijew und die Rolle des Störers in homogenen Gruppen. All diese fremden Ideen hatte Jörg Wittkewitz zu einer eigenen, wenn auch noch nicht zusammenhängenden Theorie vom Internet verwoben und sich dazwischen immer wieder erkundigt, ob man auch folgen kann.
„Ist das bekannt?“

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