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Dossier : Deutsche Blogger

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Dieser Text wurde innerhalb weniger Tage so oft weitergeleitet, dass er in den Suchmaschinen bald als Erstes auftauchte, wenn man Jamba eingab, und das blieb über Jahre so. Über dem Verweis auf die Firma stand zuerst die Warnung vor ihr. Der Eintrag löste eine Debatte über ihre Geschäftspraktiken aus, die der Firma sehr geschadet hat und er wird heute in wissenschaftlichen Abhandlungen als Beweis für die Macht der Blogger geführt. Ein einziger Text.
„Aber gut“, sagt Johnny Haeusler, „ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden.“

Im Grunde steckt in dem Beispiel schon vieles von dem, was das Bloggen vermag. Jeder kann veröffentlichen, jeder kann sehen, was veröffentlicht wird. Der Zugang ist frei. Keiner muss eine Redaktion überwinden. Es gibt keine Kleinen und keine Großen. Mag sein, dass sich Aufmerksamkeit im Internet verläuft, aber jeder kann sie binden und auf einen Punkt lenken. Dann hat sie einen Effekt. Johnny Haeusler hat er berühmt gemacht und vieles von dem, was er danach unternahm, der Versuch um das Blog ein kleines Unternehmen aufzubauen, geht auf diese Erfahrung zurück.

* * *

Ein Blog ist zuerst einmal ein Gefäß. Leute, die viel Zeit im Internet verbrachten, nutzten eigene Seiten, um darauf Adressen zu sammeln, die sie gefunden hatten und zu kommentieren, was sie daran für andere für interessant hielten. Mitte der neunziger Jahre war das Einrichten einer solchen Seite ohne technischen Sachverstand kaum möglich, weswegen viele der Fundstücke naturgemäß nur für solche Sachverständige interessant waren. Die Experten blieben unter sich. Das änderte sich erst, als mit der Jahrtausendwende Dienste wie antville.org, blogger.com oder WordPress.com Programme anboten, die das Pflegen einer eigenen Seite erleichterten.

Auf einmal konnte jeder ein Blog haben. Heute dauert es fünf Minuten, eines einzurichten. Danach hat man eine eigene Adresse im großen, weiten, endlosen Internet. Eine Adresse, die außer einem selbst allerdings erst einmal niemand kennt.

Das Café St Oberholz liegt in Berlin, an einer Kreuzung, auf der sich fünf Straßen und vier Bahngleise treffen. Der Hackesche Markt ist nicht weit, aber Touristen finden selten her und in einem der grauen Eckhäuser wurden bereits eine Fastfoodkette, eine Schwulendisko und ein Tabledanceladen aufgegeben, als sich im Sommer 2005 Ansgar Oberholz einmietete, um ein Café zu eröffnen.

Er bot einfache Speisen an, gab der Einrichtung etwas Ländliches und schaltete kabelloses Internet frei. Es war die Zeit, als es noch als seltsam galt, mit einem Laptop im Café zu sitzen, im Oberholz sollte das ohne schlechtes Gewissen möglich sein, und so saßen da bald Leute, die stundenlang von einem Latte Macchiato tranken, während sie sich kostenlos durch das Netz bewegten. Wären da nicht noch andere Gäste gewesen, Ansgar Oberholz hätte gleich wieder dichtmachen können.

Ungefähr nach einem Jahr zog das Geschäft auf einmal an. Immer mehr Leute mit Laptops kamen, Journalisten wollten über das Café berichten, Fotografen Bilder machen, Touristen hinterließen im Netz Nachrichten, dass sie im Oberholz seien. Als Ansgar Oberholz nach dem Grund fragte, erfuhr er, dass sein Café die Zentrale einer digitalen Boheme sei.

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