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Digitales Gedächtnis : Wir brauchen eine europäische Suchmaschine

  • -Aktualisiert am

Auslagerung des Gedächtnisses in die Datenwolke: Serverraum für das Cloud Computing Bild: obs

Was man nachschlagen kann, braucht man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniert auch Google. Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist.

          Vor wenigen Wochen hielt Eric Schmidt, der frühere Chef und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende von Google, in der American Academy zu Berlin eine denkwürdige Rede. Merkwürdigerweise wurde zwar über die zum Teil entsetzte Reaktion amerikanischer Professoren und Intellektueller berichtet – unter ihnen der Historiker Niall Ferguson –, aber nicht darüber, dass Schmidt seinen Vortrag mit einer spannenden technologischen Bekanntmachung eröffnet hatte. „Es sieht so aus“, so Schmidt, „dass Sie im Jahre 2029 in einem einzigen Harddrive elf Petabytes (eine sehr große Zahl) digitalen Speicher für weniger als 100 Dollar kaufen können. Dieses Gerät wird nach meinen Berechnungen sechshundert Jahre lang jeden einzelnen Tag 24 Stunden lang in DVD-Video Qualität speichern können.“ Das reiche nicht nur für ein ganzes Leben von der Wiege bis zur Bahre, sondern es sei dann noch Platz für die nachfolgenden Generationen.

          Zukunftsmusik? Keineswegs. Unter der Überschrift „Die Geburt eines Wortes“ hat der Medienwissenschaftler Deb Roy gerade ein atemberaubendes Experiment vorgestellt. Roy wollte verstehen, wie Menschen zur Sprache kommen. Er verkabelte sein ganzes Haus mit Videokameras, um seinen kleinen Sohn Tag und Nacht dabei zu beobachten, wie er sprechen lernte: „Nach dem Zusammenschnitt von 90.000 Stunden Home-Video-Aufzeichnungen konnte man sehen, wie ,gaaa‘ langsam zu ,water‘ wurde.“

          Keine Erfahrung also, die nicht aufgezeichnet werden kann – und aufgezeichnet werden wird. Kein Wort, nicht einmal ein Räuspern. Aber damit längst nicht genug: Es wird ja alles Wissen, auch das, was wir selbst niemals wissen werden, festgehalten: nicht nur die Lieblingsmusik ebenso wie die Internetrecherche über Krankheiten, sondern auch die Schlüsselreize, die den individuellen Konsum über Gefühle und Assoziationen auslösen. Lebenslange Kreditkartengeschichten und ihre Deutung, nebst kritischem Kommentar der Google-Algorithmen, werden für jeden Einzelnen von uns so viele virtuelle Bände füllen wie Churchills „Geschichte der englischsprachigen Völker“. Wir können uns selbst aufzeichnen und werden aufgezeichnet werden.

          Planspiele zur digitalen Aufzeichnung unseres gesamten Lebens: Googles Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt

          Ein ganz leises Vorbeben hat heute begonnen, und man muss Schmidt sehr ernst nehmen, wenn er sagt, dass das Internet-Zeitalter gerade erst begonnen hat. Da sie etwas ahnen von der Macht der Speicher, untersagen immer mehr Schüler bei Partys die Mitnahme von Foto-Handys. Menschen merken bass erstaunt, dass ihre Fotos und Namen unerlaubt in Netzwerken auftauchen. Wie aber, wenn das nur ein Vorspiel ist? Wenn unser ganzes Leben rekonstruierbar wird, weil es nicht nur als eigenes, sondern als Bestandteil anderer Leben im ewigen Speicher auftaucht? Facebook zeigt, wie leicht es ist, einen abwesenden Dritten zu rekonstruieren, wenn man nur genug Informationen über sein soziales Netz hat. Plötzlich ist man Freund, wo man vorher ein Niemand war. Man kann die visionäre Größe des ersten „Matrix“-Films nicht genug loben: Wir alle werden buchstäblich hineingesogen ins Netz, selbst die, die nicht mit iPhones, sondern noch von öffentlichen Telefonzellen aus telefonieren.

          Nachrichten werden Glaubensinhalte

          Die bislang unbeantwortete Frage lautet: Warum sollten Menschen das tun und wollen? Warum sollten sie zum Beispiel ihr Leben aufzeichnen? Warum sollte jemand in Facebook seinen Freunden mitteilen, dass er sich gerade den Mund abwischt? Soziale Kommunikation ist nur ein Teil der Antwort. Eine uralte Erfahrung der Menschen besagt: Nur das, was erinnert wird, ist wirklich geschehen.

          Im Lichte von Eric Schmidts Ankündigung gewinnen die soeben in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichten Erkenntnisse über die Wirkung digitaler Speicher auf das menschliche Erinnerungsvermögen Brisanz (Searching for the Google Effect on People's Memory ). Sollten sich die Ergebnisse erhärten, wird die Studie von Betsy Sparrow und anderen eine Zäsur bilden, die im Leben jedes einzelnen Internetnutzers von großer Bedeutung sein kann. Das merkt man, wenn man freilegt, was die Forscher eigentlich sagen und wie sie es sagen. Das ist gar nicht leicht. Denn die Mitteilungen der Forscher sind mittlerweile durch die Lektüremaschinen des Internets gegangen und haben eine Unzahl einander zum Teil krass widersprechender Deutungen provoziert. Giesbert Damaschke hat in seinem Blog den ersten Rezeptionsschub schön zusammengefasst: Er reicht von „Internet macht vergesslich“ (Spiegel online) bis zu „Internet macht vielleicht doch nicht dumm“ (Zeit online).

          Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten „Lehrmeinungen“ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

          Die Auslagerung des Gedächtnisses

          Zunächst: Betsy Sparrow und ihre Kollegen reden nicht über das Internet. Sie reden über Suchmaschinen. Sie reden also in Wahrheit über Google. Die Forscher sagen im Kern: Die Google-Suche führt dazu, dass wir uns weniger Dinge merken können, aber dafür besser wissen, wo wir sie finden können. Probanden, denen man sagte, dass eine durchaus banale Information in ihrem Computer nicht mehr gespeichert, sondern gelöscht werde, merkten sich diese Information besser, als wenn sie davon ausgehen konnten, dass der Computer alles für sie behalte. Die Forscher analysieren also nicht die gleichzeitig auftretenden Kollateraleffekte der Weltwahrnehmung durch Suchmaschinennutzung, die als erster Nicholas Carr in seinem berühmten Artikel „Is Google Making Us Stupid?“ in Worte fasste: die Überforderung durch Echtzeitkommunikation und permanenten Vernetzungstress. Das macht ihre Studie so „rein“, denn es genügt, sich die Google-Effekte anzuschauen, um, wie Betsy Sparrow in der „New York Times“ gestand, von den Erkenntnissen einfach „umgehauen“ zu sein.

          Die Auslagerung unseres Wissens ins Netz, so die Schlussfolgerung, korrespondiert mit einer Auslagerung unseres Gedächtnisses ans Netz – und genau mit dem, was die Google-Chefs seit jeher als ihre wahre Vision und ihr Geschäftsmodell annoncierten. Warum soll man sich darüber aufregen? Die amerikanischen Forscher sind sehr darauf bedacht, nicht in den Ruf der Kulturpessimisten zu geraten. Es ist so, es war schon öfter so – man denke an die Polemik des Sokrates gegen die Schrift –, der Mensch hat schon immer Wissen und Erinnerung ausgelagert. Mit dem Merksatz „Das was man nachschlagen kann, muss man nicht erinnern“ zitiert Jürgen Kuri vom Magazin „c’t“ seine alten Lehrer. Die Externalisierung von Wissen findet in jeder Bibliothek und in jedem Katasteramt statt.

          Die maschinelle Organisation des Wissens

          Doch diese sehr sympathische Lesart übersieht etwas sehr Wesentliches. Bisherige Speichermedien speicherten Vergangenheit – man kann sogar sagen, das Speichern machte sie zur Vergangenheit, im günstigsten Fall zu Bestandteilen eines verbindlichen Kanons. Nicht nur Anzeigenpreise bei Zeitungen sind von dem limitierenden Faktor „Papier“ bestimmt, auch die Speicherung von Wissen ist es immer gewesen. Das gab ihr, wie bei Geldscheinen, einen gleichsam materiellen Wert, auch wenn der gedruckte Inhalt am Ende nichts taugte.

          Das ist anders, wenn man für 100 Dollar sechshundert Jahre in Echtzeit speichern kann. Der Informationswert liegt nicht mehr in der Information, sondern in ihrer Vernetzung. Googles Allwissenheit ist nicht literarisch, sondern sozial. Sie ist nicht nur „Wissen“, sondern Erkenntnis über den Gebrauch des Wissens, die wiederum das Wissen permanent verändert. Die Auslagerung des Gedächtnisses der Menschheit an einen amerikanischen Privatkonzern betrifft nicht nur das, was man schwarz auf weiß besitzt, sondern auch alles das, was durch das Ineinander von Erinnerung und Erfahrung die Identität von Menschen überhaupt erst schafft. Dieses Wissen, nicht nur Goethes Farbenlehre, ist es, was Google organisiert. Nicholas Carr kommentierte die amerikanische Studie auf seinem Blog denn auch vorsichtig mit folgenden Worten: „Wenn wir unser persönliches Gedächtnis formen, formen wir auch Assoziationen zwischen einzelnen Erinnerungen, die nur wir haben und die unentbehrlich sind für die Entwicklung eines tiefen, konzeptionellen Wissens.“

          Google übernimmt nicht nur das Speichern faktischer Wissensinhalte; Google – und das hat es bei noch keiner Externalisierung gegeben – übernimmt auch die Berechnung, Organisation und Deutung der Assoziationen, die wir beim Gebrauch dieses Wissens haben – wahrscheinlich ist das sogar der eigentliche, in der Tat faszinierende Hauptzweck einer Operation, die mittlerweile genau weiß, wie lange ein Cursor unschlüssig auf einer Straße bei Google Earth verweilt, der vorher bei Google Search auf Spielbanken geklickt hat.

          Ein Routenplaner für unser Leben

          Man stelle sich den Chef der Preußischen Staatsbibliothek vor, der nicht nur genau weiß, wie sich die Inhalte all seiner Millionen Bücher aufeinander beziehen. Nein, er weiß über jeden einzelnen Satz in jedem einzelnen Buch seiner unermesslichen Bibliothek, wie lange die Leser bei ihm verweilen, ob sie ihn lesen oder überlesen, welche andere Fragen sich ihnen stellen, ob sie je auf ihn zurückkommen. Schon bald kennt er ihre Assoziationen, und all das wird wieder Bestandteil des Wissens, das er verwaltet und organisiert.

          Das ist keine Auslagerung von Erinnerung mehr, sondern deren Ersatz, und weil es sehr angenehm ist und dem Leser viel Zeit spart (denn der Bibliotheksdirektor teilt einen gewissen, wenn auch nur den bereits allgemeinen verfügbaren Teil seiner Erkenntnisse mit den Benutzern), machen wir alle gerne mit. Wir zahlen den Preis gerne: Es macht Spaß, das Gehirn auszuräumen und mehr Raum für anderes zu haben.

          Wofür eigentlich? Es geht nicht um das Geburtsjahr von Kant und die beste Art, einen Käsekuchen zu backen. Welche Identitäten entstehen, wenn auch unser soziales und assoziatives Erinnern ausgelagert ist? Was heißt es, wenn es gleichsam GPS-Routenplaner für das ganze eigene Leben und das der Mitwelt gibt, die uns vom Zwang des Einprägens befreien und etwas Neues an dessen Stelle setzen?

          Die Herren des Wissens

          Es ist üblich, dass solche Debatten von den Auskennern sofort relativiert werden. Und man uns gönnerhaft wissen lässt, der technologische Fortschritt lasse sich von solchen Bedenken nicht aufhalten. Das beantwortet aber die Frage nicht, die heute so drängend ist wie keine andere: Was ist die politische und soziale Macht einer Suchmaschine? Wie groß ist diese Macht eigentlich, wenn die Menschen ihr so sehr vertrauen, dass sie ihr ihr Gedächtnis opfern? Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen.

          Während – Frank Rieger hat darauf hingewiesen – die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, ist die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert. China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen.

          Online-Nachtrag um 10.55 Uhr:

          Ein schönes Beispiel für die talmudische Rezeptionskultur liefert unfreiwillig der „Perlentaucher“. Das Portal referiert: „Aus der jüngst veröffentlichten Studie dazu, dass Suchmaschinennutzer unwichtige Fakten lieber vergessen, wenn sie wissen, wie sie am Rechner an sie gelangen (Abstract), zieht Frank Schirrmacher den maximal weitreichenden Schluss, wir gäben nicht nur unser Gedächtnis für banale Fakten, sondern gleich unser ganzes Erinnerungsleben in die Hände von Google“.

          Interessant ist der erste Teil dieses Resümees. Denn in der Studie steht nichts davon. Im Gegenteil: Die Forscher legen grossen Wert darauf, dass die Phänomene des Erinnerungsverlusts sowohl bei wichtigen (schwierigen) oder unwichtigen Fakten auftreten. Entscheidend ist, ob der Proband der Meinung ist, der Computer speichere die Fakten - dann vergisst er sie - , oder ob er glaubt, dass sie gelöscht werden - dann erinnert er sie. Dies ist ein Anwendungsfall „transaktiven Erinnerns“, eine Theorie die Daniel Wegner bereits 1985 formulierte. Wir lagern Erinnerungen an Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen aus, die sich für uns an Dinge erinnern, die wir nicht mehr wissen.

          Der „Perlentaucher“ hat also weder die Studie, noch die Pressemitteilung noch den referierten Text gelesen. Das „durchaus“ liest er als „nur“, obwohl es semantisch nur „sogar“ meinen kann. Selbst banale Fakten - etwa, dass Sonne im Osten aufgeht -, können wir aus dem Gedächtnis löschen.

          Im Fall des „Perlentaucher“-Resümees wäre diese Erinnerungszuständigkeit allerdings unzuverlässig. Freilich: Wie auch dieser Kommentar zu einem Kommentar ist dieser Online-Nachtrag in der modernen Kommunikationswelt nur eine weitere Schleife im talmudischen Netz.

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