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Digitales Gedächtnis : Wir brauchen eine europäische Suchmaschine

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Man stelle sich den Chef der Preußischen Staatsbibliothek vor, der nicht nur genau weiß, wie sich die Inhalte all seiner Millionen Bücher aufeinander beziehen. Nein, er weiß über jeden einzelnen Satz in jedem einzelnen Buch seiner unermesslichen Bibliothek, wie lange die Leser bei ihm verweilen, ob sie ihn lesen oder überlesen, welche andere Fragen sich ihnen stellen, ob sie je auf ihn zurückkommen. Schon bald kennt er ihre Assoziationen, und all das wird wieder Bestandteil des Wissens, das er verwaltet und organisiert.

Das ist keine Auslagerung von Erinnerung mehr, sondern deren Ersatz, und weil es sehr angenehm ist und dem Leser viel Zeit spart (denn der Bibliotheksdirektor teilt einen gewissen, wenn auch nur den bereits allgemeinen verfügbaren Teil seiner Erkenntnisse mit den Benutzern), machen wir alle gerne mit. Wir zahlen den Preis gerne: Es macht Spaß, das Gehirn auszuräumen und mehr Raum für anderes zu haben.

Wofür eigentlich? Es geht nicht um das Geburtsjahr von Kant und die beste Art, einen Käsekuchen zu backen. Welche Identitäten entstehen, wenn auch unser soziales und assoziatives Erinnern ausgelagert ist? Was heißt es, wenn es gleichsam GPS-Routenplaner für das ganze eigene Leben und das der Mitwelt gibt, die uns vom Zwang des Einprägens befreien und etwas Neues an dessen Stelle setzen?

Die Herren des Wissens

Es ist üblich, dass solche Debatten von den Auskennern sofort relativiert werden. Und man uns gönnerhaft wissen lässt, der technologische Fortschritt lasse sich von solchen Bedenken nicht aufhalten. Das beantwortet aber die Frage nicht, die heute so drängend ist wie keine andere: Was ist die politische und soziale Macht einer Suchmaschine? Wie groß ist diese Macht eigentlich, wenn die Menschen ihr so sehr vertrauen, dass sie ihr ihr Gedächtnis opfern? Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen.

Während – Frank Rieger hat darauf hingewiesen – die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, ist die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert. China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen.

Online-Nachtrag um 10.55 Uhr:

Ein schönes Beispiel für die talmudische Rezeptionskultur liefert unfreiwillig der „Perlentaucher“. Das Portal referiert: „Aus der jüngst veröffentlichten Studie dazu, dass Suchmaschinennutzer unwichtige Fakten lieber vergessen, wenn sie wissen, wie sie am Rechner an sie gelangen (Abstract), zieht Frank Schirrmacher den maximal weitreichenden Schluss, wir gäben nicht nur unser Gedächtnis für banale Fakten, sondern gleich unser ganzes Erinnerungsleben in die Hände von Google“.

Interessant ist der erste Teil dieses Resümees. Denn in der Studie steht nichts davon. Im Gegenteil: Die Forscher legen grossen Wert darauf, dass die Phänomene des Erinnerungsverlusts sowohl bei wichtigen (schwierigen) oder unwichtigen Fakten auftreten. Entscheidend ist, ob der Proband der Meinung ist, der Computer speichere die Fakten - dann vergisst er sie - , oder ob er glaubt, dass sie gelöscht werden - dann erinnert er sie. Dies ist ein Anwendungsfall „transaktiven Erinnerns“, eine Theorie die Daniel Wegner bereits 1985 formulierte. Wir lagern Erinnerungen an Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen aus, die sich für uns an Dinge erinnern, die wir nicht mehr wissen.

Der „Perlentaucher“ hat also weder die Studie, noch die Pressemitteilung noch den referierten Text gelesen. Das „durchaus“ liest er als „nur“, obwohl es semantisch nur „sogar“ meinen kann. Selbst banale Fakten - etwa, dass Sonne im Osten aufgeht -, können wir aus dem Gedächtnis löschen.

Im Fall des „Perlentaucher“-Resümees wäre diese Erinnerungszuständigkeit allerdings unzuverlässig. Freilich: Wie auch dieser Kommentar zu einem Kommentar ist dieser Online-Nachtrag in der modernen Kommunikationswelt nur eine weitere Schleife im talmudischen Netz.

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