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Digitales Gedächtnis : Wir brauchen eine europäische Suchmaschine

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Die Auslagerung unseres Wissens ins Netz, so die Schlussfolgerung, korrespondiert mit einer Auslagerung unseres Gedächtnisses ans Netz – und genau mit dem, was die Google-Chefs seit jeher als ihre wahre Vision und ihr Geschäftsmodell annoncierten. Warum soll man sich darüber aufregen? Die amerikanischen Forscher sind sehr darauf bedacht, nicht in den Ruf der Kulturpessimisten zu geraten. Es ist so, es war schon öfter so – man denke an die Polemik des Sokrates gegen die Schrift –, der Mensch hat schon immer Wissen und Erinnerung ausgelagert. Mit dem Merksatz „Das was man nachschlagen kann, muss man nicht erinnern“ zitiert Jürgen Kuri vom Magazin „c’t“ seine alten Lehrer. Die Externalisierung von Wissen findet in jeder Bibliothek und in jedem Katasteramt statt.

Die maschinelle Organisation des Wissens

Doch diese sehr sympathische Lesart übersieht etwas sehr Wesentliches. Bisherige Speichermedien speicherten Vergangenheit – man kann sogar sagen, das Speichern machte sie zur Vergangenheit, im günstigsten Fall zu Bestandteilen eines verbindlichen Kanons. Nicht nur Anzeigenpreise bei Zeitungen sind von dem limitierenden Faktor „Papier“ bestimmt, auch die Speicherung von Wissen ist es immer gewesen. Das gab ihr, wie bei Geldscheinen, einen gleichsam materiellen Wert, auch wenn der gedruckte Inhalt am Ende nichts taugte.

Das ist anders, wenn man für 100 Dollar sechshundert Jahre in Echtzeit speichern kann. Der Informationswert liegt nicht mehr in der Information, sondern in ihrer Vernetzung. Googles Allwissenheit ist nicht literarisch, sondern sozial. Sie ist nicht nur „Wissen“, sondern Erkenntnis über den Gebrauch des Wissens, die wiederum das Wissen permanent verändert. Die Auslagerung des Gedächtnisses der Menschheit an einen amerikanischen Privatkonzern betrifft nicht nur das, was man schwarz auf weiß besitzt, sondern auch alles das, was durch das Ineinander von Erinnerung und Erfahrung die Identität von Menschen überhaupt erst schafft. Dieses Wissen, nicht nur Goethes Farbenlehre, ist es, was Google organisiert. Nicholas Carr kommentierte die amerikanische Studie auf seinem Blog denn auch vorsichtig mit folgenden Worten: „Wenn wir unser persönliches Gedächtnis formen, formen wir auch Assoziationen zwischen einzelnen Erinnerungen, die nur wir haben und die unentbehrlich sind für die Entwicklung eines tiefen, konzeptionellen Wissens.“

Google übernimmt nicht nur das Speichern faktischer Wissensinhalte; Google – und das hat es bei noch keiner Externalisierung gegeben – übernimmt auch die Berechnung, Organisation und Deutung der Assoziationen, die wir beim Gebrauch dieses Wissens haben – wahrscheinlich ist das sogar der eigentliche, in der Tat faszinierende Hauptzweck einer Operation, die mittlerweile genau weiß, wie lange ein Cursor unschlüssig auf einer Straße bei Google Earth verweilt, der vorher bei Google Search auf Spielbanken geklickt hat.

Ein Routenplaner für unser Leben

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