https://www.faz.net/-gsf-6m0io

Digitales Gedächtnis : Wir brauchen eine europäische Suchmaschine

  • -Aktualisiert am

Die bislang unbeantwortete Frage lautet: Warum sollten Menschen das tun und wollen? Warum sollten sie zum Beispiel ihr Leben aufzeichnen? Warum sollte jemand in Facebook seinen Freunden mitteilen, dass er sich gerade den Mund abwischt? Soziale Kommunikation ist nur ein Teil der Antwort. Eine uralte Erfahrung der Menschen besagt: Nur das, was erinnert wird, ist wirklich geschehen.

Im Lichte von Eric Schmidts Ankündigung gewinnen die soeben in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichten Erkenntnisse über die Wirkung digitaler Speicher auf das menschliche Erinnerungsvermögen Brisanz (Searching for the Google Effect on People's Memory ). Sollten sich die Ergebnisse erhärten, wird die Studie von Betsy Sparrow und anderen eine Zäsur bilden, die im Leben jedes einzelnen Internetnutzers von großer Bedeutung sein kann. Das merkt man, wenn man freilegt, was die Forscher eigentlich sagen und wie sie es sagen. Das ist gar nicht leicht. Denn die Mitteilungen der Forscher sind mittlerweile durch die Lektüremaschinen des Internets gegangen und haben eine Unzahl einander zum Teil krass widersprechender Deutungen provoziert. Giesbert Damaschke hat in seinem Blog den ersten Rezeptionsschub schön zusammengefasst: Er reicht von „Internet macht vergesslich“ (Spiegel online) bis zu „Internet macht vielleicht doch nicht dumm“ (Zeit online).

Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten „Lehrmeinungen“ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Die Auslagerung des Gedächtnisses

Zunächst: Betsy Sparrow und ihre Kollegen reden nicht über das Internet. Sie reden über Suchmaschinen. Sie reden also in Wahrheit über Google. Die Forscher sagen im Kern: Die Google-Suche führt dazu, dass wir uns weniger Dinge merken können, aber dafür besser wissen, wo wir sie finden können. Probanden, denen man sagte, dass eine durchaus banale Information in ihrem Computer nicht mehr gespeichert, sondern gelöscht werde, merkten sich diese Information besser, als wenn sie davon ausgehen konnten, dass der Computer alles für sie behalte. Die Forscher analysieren also nicht die gleichzeitig auftretenden Kollateraleffekte der Weltwahrnehmung durch Suchmaschinennutzung, die als erster Nicholas Carr in seinem berühmten Artikel „Is Google Making Us Stupid?“ in Worte fasste: die Überforderung durch Echtzeitkommunikation und permanenten Vernetzungstress. Das macht ihre Studie so „rein“, denn es genügt, sich die Google-Effekte anzuschauen, um, wie Betsy Sparrow in der „New York Times“ gestand, von den Erkenntnissen einfach „umgehauen“ zu sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

FAZ Plus Artikel: Chinas Präsident Xi Jinping : In der Sackgasse

Xi Jinping hat in der chinesischen Bevölkerung den Fehlglauben genährt, das Land könne es schon jetzt mit Amerika aufnehmen. Damit hat er Erwartungen geweckt, die er nicht erfüllen kann – und sich so verwundbar gemacht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.