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Politik und Internet : Mein neues Leben unter Piraten

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Die vielleicht wichtigste Innovation des Netzes aber besteht darin, dass es über Twitter und andere Dienste „Schwarmintelligenz“ ermöglicht. Als ich in einem Tweet bekannte, dass ich nicht wisse, wie man auf dem Blackberry Umlaute schreibt, dauerte es keine vier Minuten, bis mich von allen Seiten Tweets erreichten, in denen das prompt erklärt wurde. Als ein bedeutender deutscher Politiker Anfang des Jahres unter Plagiatsverdacht kam, hätte es normalerweise Monate gedauert, um seine Dissertation gründlich zu überprüfen. Der „Schwarm“ erledigte diese Aufgabe innerhalb von zwei Wochen in aller Gründlichkeit.

Mit dem Internet wird Weltpolitik gemacht werden

Das Twitter-Netz privilegiert in eindrucksvoller Weise auch „Sekundärtugenden“ wie Höflichkeit, Verlässlichkeit und Fairness. Ernst Jünger soll gesagt haben, Demokratie sei, wenn jeder jeden etwas fragen könne. Demnach wäre das Twitter-Medium der ideale Entwicklungsrahmen für demokratische Prozesse. Zu seinen Nutzern gehören keineswegs nur abgefahrene Freaks und Nerds. Es sind Prokuristen mittelständischer Unternehmen, junge Forscher, Kommunalpolitiker, netzaffine Rentner, ganz viele Studenten, Journalisten, Hausfrauen, Lehrer, Bundestagsmitglieder und viele mehr. Bei Twitter schlüpfen sie in eine zweite Identität: die des Netzteilnehmers, der frei von Hierarchien und sonstigen Begrenzungen agieren kann.

Barack Obama hat als Erster das Netz in genialer und virtuoser Weise für seinen Wahlkampf genutzt und damit die riesigen und kostspieligen Maschinerien seiner Gegner einfach umgangen; bis heute nutzt er das Netz zu politischer Propaganda und zur Werbung. Als amerikanischer Präsident ist er aber zu den traditionellen Formen des Policy Making zurückgekehrt. Doch das Netz kann mehr als Wahlkampf. Seit Wochen betreiben Internetaktivisten die „Occupy Wall Street“-Netzrevolution, der Ausgang ist völlig offen. Irgendwann, ob heute oder in fünf Jahren, wird ein führender Politiker mit dem Internet erstmals Weltpolitik gestalten: über UN und G20 hinweg. Es kann eine Sozialfrage sein, ein Umweltthema oder eine Frage von Krieg und Frieden. Aber kommen wird es jedenfalls.

Es könnte auch viel schneller gehen

Das Aufkommen der Piratenpartei zum jetzigen Zeitpunkt wirkt wie ein Fanal. Man spürt, dass eine Entwicklung in Gang kommt, wie es sie in der stabilen deutschen Nachkriegsdemokratie nur alle zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hat. Das hat die Piraten bei manchen zu Feinden gemacht, obwohl sie in ihrem Auftreten und in ihren Ansinnen bisher weitaus mehr im demokratischen, pluralistischen und toleranten Rahmen geblieben sind, als dies bei den Grünen seinerzeit der Fall war. Es sind junge Leute voller Ideale, die die Welt zum Besseren verändern wollen und nur noch nicht wissen, wie. Die Piraten haben das Netz übrigens nicht erfunden, aber sie sind seine Kinder.

Als die Grünen seit Anfang der achtziger Jahre in immer mehr Parlamente einzogen, waren sie eine monothematische Partei, schlecht organisiert, und sie hatten den Kopf voller undurchführbarer Ideen (Ämtertausch und Rotation). Ganz so wie die Piraten im Abgeordnetenhaus von Berlin. Heute, dreißig Jahre später, sind sie in allen deutschen Parlamenten und stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. Aber Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich nicht: Es könnte alles auch viel schneller gehen.

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