https://www.faz.net/-gsf-6uc9z

Politik und Internet : Mein neues Leben unter Piraten

  • -Aktualisiert am

Eine Evolution der Technik und der Inhalte

Die Debatten über Vorratsdatenspeicherung und Staatstrojaner sind auch deshalb so hoffnungslos verrannt, weil die grundsätzliche Klärung der Bedeutung des Netzzugangs bislang unterblieben ist. So haben Piraten und andere Netzaktivisten leichtes Spiel, wenn sie der Politik unterstellen, die Integrität des Netzes untergraben und seinen Zugang regulieren zu wollen. Die Innen- und Sicherheitspolitiker befinden sich dadurch in einer fast ausweglosen Position. Aus ihrer Sicht ist klar, dass die Sicherheitsbehörden im Zeitalter der Informationstechnologie nicht mit Befugnissen und Instrumenten aus der Steinzeit arbeiten können. Wenn es dann noch so ist, dass Behörden es über Tage nicht schaffen, die verfassungsrechtliche Unbedenklichkeit eines enttarnten Trojaners nachvollziehbar darzulegen, sind die Aussichten auf Verständigung denkbar schlecht. Es ist aber für den gesellschaftlichen Frieden essentiell, dass die Bedürfnisse der Sicherheit und die Freiheit des Netzes in eine für beide Seiten akzeptable Balance gebracht werden.

Dies ist auch deshalb wichtig, weil die Evolution des Internet noch keineswegs an ihr Ende gekommen ist. Es handelt sich um eine „doppelte“ Evolution der Technik und der Inhalte, die sich wechselseitig bedingt und vorantreibt. Die technische Evolution besteht unter anderem in der grenzenlosen Erweiterung der Speicherkapazitäten fast bis ins Unendliche, in der Miniaturisierung der Endgeräte bis auf Westentaschenformat, der Gewährleistung ihrer Erschwinglichkeit für jedermann und in der Verfügbarkeit einer leistungsfähigen Infrastruktur und Software für Datentransport und Verarbeitung.

Schwarmintelligenz schlägt Plagiat

Ihre Brisanz erhält die Entwicklung aber erst durch die gleichzeitige Evolution von Inhalten und Themen, durch die die politische Agenda bestimmt wird. Agenda-Setting im Internet-Zeitalter erfolgt zunehmend weniger durch die klassischen Akteure und zunehmend mehr durch die inhärent demokratische Struktur des Netzes selbst. Besonders deutlich wird dies bei den sogenannten Social Media wie Twitter. Grundsätzlich gilt dabei das Prinzip der Auslese durch Weiterverbreitung, das noch dadurch verstärkt wird, dass jede Nachricht von jedem Follower „retweetet“ werden kann und dann dessen Follower erreicht, die sie ihrerseits wieder retweeten können. So kommt es, dass wichtige, interessante oder lustige Nachrichten manchmal wie ein Feuersturm durch das Netz rasen und innerhalb weniger Minuten um die Welt gehen.

Diese Art der Generierung und Verbreitung von Nachrichten ist zutiefst demokratisch, aber sie ist alles andere als egalitär. Das Neue und Innovative besteht darin, dass man diese Form der Partizipation aus dem Rollstuhl im Seniorenheim einer Kleinstadt ebenso betreiben kann wie aus einem Internet-Café in New York. Längst nicht alle Nutzer haben den Anspruch, global und politisch zu kommunizieren; aber die Chance dazu ist von nun an jedem gegeben.

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.