https://www.faz.net/-gsf-6kc08

Digitale Informationssysteme : Krieg nach Zahlen

  • -Aktualisiert am

Faktoren des Parameters „Kampfmoral“

Bei dieser mathematischen Suche nach Druckpunkten, welche die Kampfbereitschaft des Gegners beeinflussen können, ist fast jedes Mittel recht. Eine Standardmethode ist die forensische Analyse von überrannten Stützpunkten des Gegners, wenn die Situation es erlaubt. Dabei werden etwa Erkenntnisse über Bewaffnung oder den Nachschub gewonnen. In Presseberichten beschrieben werden beispielsweise häufig aufgefundene Bauteile für improvisierte Bomben. Aus den Wikileaks-Berichten lässt sich ersehen, dass es spezielle Einsatzgruppen mit Namen wie „Paladin“ gibt, deren Aufgabe die Zerlegung und forensische Analyse neu angetroffener Typen der Improvised Explosive Devices genannten Eigenbaubomben ist.

Dann wird versucht, die Beschaffungskette der Bauteile zurückzuverfolgen und, wo möglich, mit offenen oder verdeckten Operationen zu unterbrechen. Aus dem Vietnamkrieg gibt es Berichte von Insidern, wonach auch eine detaillierte Inventur aufgefundener Medizinvorräte in eroberten Vietcong-Stützpunkten vorgenommen und der Gesundheitszustand gefangener Gegner statistisch erfasst wurde. Modellrechnungen aus diesen aufgezeichneten Rohdaten, korreliert mit Daten über lokal übliche Krankheitshäufigkeiten aus anderen Quellen, ergaben, dass unter den Bedingungen des Dschungelkrieges eine kleine Anzahl Medikamente einen kritischen Einfluss auf die durchschnittliche Kampffähigkeit des vietnamesischen Widerstands haben könnte. Die schwere Serie von Explosionen, die wenig später die Pharmafabrik in einem Nachbarland zerstörte, aus welcher der Großteil dieser Medikamente stammte, war sicher kein reiner Zufall. Über derlei resultierende „Kollateralschäden“ möchte man eigentlich lieber nicht nachdenken.

Patriotismus, soldatischer Heldenmut, Disziplin und Opferbereitschaft sind aus ORSA-Sicht am Ende nur Faktoren des Parameters „Kampfmoral“. Der dient wiederum als Input-Wert für die Formeln, die bestimmen, wie lange eine Einheit im Kriegsgebiet bleiben kann. Nach wie vielen Feuergefechten, Straßenrand-Bombenangriffen und Anblicken verwundeter und getöteter Menschen ein Soldat nicht mehr einsatzfähig ist, bestimmt wiederum die Kalkulationen für seine Einsatzdauer. In Interviews mit Soldaten in den aktuellen Konfliktzonen wiederholt sich eine Szene. Gefragt, worin denn noch ihre Motivation liegt, das alltägliche Grauen durchzuhalten, antworten viele unisono: „weil ich meine Kameraden nicht im Stich lassen will“. Die Reduktion eines ohnehin sinnlosen Krieges auf ein komplexes mathematisches Problem hat keine andere Motivation mehr übriggelassen.

Der Film „War Games“ endet damit, dass der Computer WOPR erkennt, dass es keine Möglichkeit gibt, in einem nuklearen Konflikt zu siegen. Ob ein Krieg zu gewinnen ist, bei dem der Gegner nur lange genug durchhalten muss, bis die westlichen Truppen entnervt aufgeben und abziehen, ist ähnlich fraglich. Die Ansichten der Operations-Research-Spezialisten dazu lassen sich aus den Wikileaks-Dokumenten nicht direkt ersehen. Da ORSA in bester Wernher-von-Braun-Tradition nicht selbst Ziele definiert, sondern nur den Weg zum Erreichen der Vorgaben sucht und optimiert, bleibt diese Frage wohl der Politik vorbehalten.

Weitere Themen

Topmeldungen

In einer Reihe? Die SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, in ihrer Mitte Kanzlerkandidat Olaf Scholz

Esken und Kühnert : Wie viel Scholz steckt in der SPD?

Noch herrscht zwischen Kanzlerkandidat und Parteiführung Einigkeit – nach der Wahl könnte sich das ändern. Vor allem die Jusos werden in der neugewählten Fraktion stark vertreten sein.
Grund für geringes Angebot? Brand in Gazprom-Anlage in Westsibirien im August

Energiepreise : Russlands riskantes Spiel mit Erdgas

Hält Gazprom bewusst Erdgas zurück, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 durchzusetzen? Der Kreml selbst nährt diese Vermutung. In Deutschland haben erste Versorger bereits Preiserhöhungen angekündigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.