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Digitale Informationssysteme : Krieg nach Zahlen

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Dokumente zum Krieg in Afghanistan, die unlängst von Wikileaks – einer internationalen Vereinigung, die auf das Veröffentlichen geheim gehaltener Dokumente spezialisiert ist – publiziert wurden, bieten bisher ungekannte Einblicke in das interne Berichtswesen der amerikanischen Armee. Die Meldungen sind die Datenbasis der Algorithmen und Modelle, mit denen bewaffnete Konflikte im Computerzeitalter geführt werden. Veröffentlicht wurde eine umfangreiche Datenbank von einigen zehntausend internen Alltagsberichten der amerikanischen Armee aus Afghanistan (siehe Afghan War Diary). Die Daten enthalten die alltäglichen Ereignisse eines Krieges: Lagebilder, Feuergefechte, Bombenanschläge und -abwürfe, Tote, Verwundete, Gefangene, Korruption, Verrat, Langeweile, unzureichende Ausrüstung, Fehleinschätzungen und Erfolge. In den Afghanistan-Berichten findet sich häufig ein Verweis auf die Organisation J3 ORSA. Die Abkürzung steht für „Joint Chiefs of Staff, Abteilung J3 (Operations)“, Unterabteilung Operations Research and System Analysis“. Hier pocht das operationelle Herz des amerikanischen Militärs. Mit Hilfe weltumspannender, abgeschirmter Kommunikationsnetze laufen in jeder Sekunde die Berichte von allen Kriegsschauplätzen und Konfliktzonen zusammen.

Die Versenkungszahlen schnellten in die Höhe

Die Reports und Zahlen, in die nun dank Wikileaks ein Blick möglich ist, bilden das Datenfutter für die Algorithmen der Systemanalysten. J3 ORSA steht in einer langen Tradition von „Operations Research“-Strukturen, die seit dem Zweiten Weltkrieg versuchen, Kriegsführung planbar und modellierbar zu machen. Die Ursprünge der Methoden liegen in Großbritannien. Hier erzielten die Wissenschaftler, abkommandiert dazu, in kritischen Bereichen nach Lösungen für Kriegsprobleme zu suchen, beeindruckende Erfolge.

Von den Legenden von damals zehrt die Zunft noch heute. So gelang es durch mathematische Analyse der realistischen Tauchtiefen von U-Booten, die von Flugzeugen überrascht wurden, die Versenkungszahlen drastisch zu steigern. Die Berechnungen ergaben, dass die zuvor geschätzte Tiefe von dreißig Metern in der kurzen Zeit zwischen Alarmtauchmanöver und Ankunft des Flugzeuges über dem U-Boot gar nicht erreicht werden konnte. Die Flugzeugbesatzungen wurden angewiesen, die Zündtiefe der Wasserbomben stattdessen auf weniger als zehn Meter einzustellen. Die Versenkungszahlen schnellten in die Höhe.

Andere kriegswichtige Erfolge in der Frühzeit der Disziplin, die schnell auch westlich des Atlantiks umfangreiche Anwendung fand, waren die Verbesserung der Tarnanstriche von Flugzeugen und die Berechnung der optimalen Größe von Schiffskonvois zum Schutz gegen U-Boot-Angriffe. Die Operations-Research-Methodiken haben sich mit der Zeit erheblich entwickelt. Der Kern besteht aber noch immer in dem Versuch, ein möglichst weitgehend quantifizierbares Bild der Wirklichkeit zu schaffen, um auf dieser Basis anhand von Modellrechnungen, Wahrscheinlichkeiten und Simulationen möglichst gute Strategien zu ermitteln.

Die Methode Holmes

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