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Das Weltbild von Wikileaks : Am liebsten ordentlich und einsam

  • -Aktualisiert am

Sehnsucht nach Ordnung und Einsamkeit: WikiLeaks-Gründer Julian Assange auf einer Pressekonferenz Bild: dapd

Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform Wikileaks neu verhandelt. Julian Assange und seine Jünger sind dabei so etwas wie die autistischen Heimarbeiter der Transparenz.

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          Als der Kinderarzt Hans Asperger 1943 seine Habilitationsschrift über die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter an der Universität Wien einreichte, beschrieb er die geniale Fähigkeit der kleinen Jungen, die Welt ganz klar zu sehen. Autisten zeigten eine besondere Klarsichtigkeit, ihre ideale Welt ist geordnet, die Dinge haben ihren Platz. In dieser geordneten Welt hat jedes Ding genau einen Namen. Metaphern, Ironie, Diplomatie – all jene Formen von Distanz zum Objekt der Erkenntnis scheinen viele Autisten nicht zu verstehen.

          Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform WikiLeaks neu verhandelt. Informationen bedürfen keiner Vermittlung und keiner wertenden Distanz mehr, so die Proponenten von Wikileaks. Informationen tragen vielmehr die Essenz ihrer Bedeutung in sich. Diese Position war im Mittelalter prominent, allerdings unter anderen Vorzeichen. Es war Gott, der die Essenzen in die Dinge legte, und es war daher auch nicht allen unbedingt möglich, die von Gott geordnete Welt klar zu sehen. Klarsichtigkeit war vielmehr an göttliche Gnade gekoppelt. Von daher birgt der normative Anspruch auf Transparenz, den Julian Assange und seine Jünger vertreten, ein zutiefst religiöses Element. Das Genie zeigt sich dabei in einer neuen Form, als transhumanes Subjekt, das wegen seiner technischen Fähigkeiten im Umgang mit Daten und Computern über die menschliche Gattung hinausweist und die Masse der Nicht-Sehenden in Gnadenakten informiert.

          Der neue „leader“ der IT-Gesellschaft

          Als Hans Asperger damals den Autismus als Psychopathie kategorisierte, wies er darauf hin, dass es sich um eine Störung handelt, unter der mehr die Gesellschaft leidet als der Betroffene selbst. In den letzten Jahren ist der Asperger-Autismus zu einer kulturellen Metapher für die Einsamkeit des postmodernen Subjekts geworden, das in der IT-Gesellschaft virtuell seine Netzwerke knüpft. Viele derjenigen, die sich zur intellektuellen Oberschicht der Cybersociety zählen, identifizieren sich mit dem Asperger-Syndrom. Die Hacker-Szene feiert sich gerne in sogenannten „nerd-clubs“. Dann gehen die Heimarbeiter der Transparenz wieder nach Hause. In der Populärkultur hat sich seit dem Film „Rain Man“ (1988) den Eindruck verfestigt, Autist seien stets weiße Männer aus der Mittelschicht, die von Zahlen und Technik besessen sind. Dieses Bild hat die vielen Autisten, die nicht über besondere kognitive Fähigkeiten verfügen und um bessere Therapieangebote kämpfen, in den Hintergrund treten lassen. Deshalb fällt in amerikanischen Autismus-Selbsthilfegruppen oft der Ausdruck „neuroelitism“: Neuro-Elitismus.

          Eine der Ikonen der neuroelitären Cybercommunity ist Bill Gates, der zwar nie medizinisch als Asperger-Autist diagnostiziert wurde, aber dessen Schwierigkeiten im sozialen Umgang und außergewöhnlich hoher IQ für eine Ferndiagnose schon vor Jahren ausgereicht haben. Julian Assange wird sicherlich bald in der spekulativen Pathografie nachfolgen, denn er passt perfekt in das generierte Diskursmuster von männlicher Genialität, sozialer Zurückgezogenheit, Klarsichtigkeit und IT-Elite. Auch die dem Autisten unterstellte Unfähigkeit zu lügen, fundamental gewendet in einen natürlichen Anspruch auf Wahrheit, erhöht die Plausibilität. Dass einer der führenden Autismusforscher, Simon Baron-Cohen aus Cambridge, ständig publiziert, der Autist mit seinem „extrem männlichen Gehirn“ sei der neue „leader“ der IT-Gesellschaft, befördert entsprechende Diskurse.

          Eine verkabelte Ontologie der Hardware

          Allerdings bezieht man sich mit diesem Geniekonzept auf eine Ontologie und Weltsicht, die direkt in die Hochscholastik führt. Schon im Sommer titelte der britische Observer einen Artikel über Julian Assange mit „Mönch des Online-Zeitalters“, spielte damit aber nur auf dessen angebliche Zurückgezogenheit und Autarkiestreben an. Der Autist ist eine kulturelle Metapher für Solipsismus und Nominalismus. Die Welt existiert für ihn nur insoweit, wie mentale Repräsentationen sich direkt auf Objekte beziehen können. Dabei werden die Relationen durch die Objekte selbst generiert. Wenn Computer und Gehirn strukturell immer mehr identifiziert werden, darf man sich nicht wundern, wenn nun das Konzept „Wahrheit“ mit einem Informations-Determinismus versehen wird. Aufklärung wäre dann eine Totalität an zur Verfügung stehenden Daten „für alle“.

          Dabei scheinen kulturelle, intersubjektiv und historisch gewachsene Semantiken entbehrlich. In dieser mittelalterlichen Ontologie, die, elektronisch tiefergelegt, im engeren Sinne gar keine mehr ist, da sie zwischen Sein und Seiendem nicht mehr trennt, sind die kulturellen Fundierungsverhältnisse nicht mitgedacht. Die Cyberwelt hat vielmehr eine verkabelte Ontologie der Hardware. Der aufklärerische Gedanke Kants, dass das „Ding an sich“ der Erkenntnis nicht zugänglich ist, scheint in dieser Parallelwelt nie angekommen. Plurale Deutungsmöglichkeiten scheinen dort gefährlich. Die Sehnsucht nach Ordnung ist zu groß. Die nach Einsamkeit auch.

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