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Das religiöse Ich : Seelen-Sharing geht nur analog

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Der Glaube ans Leben

Viele Menschen, die weder an die Seele noch an Gott glauben, akzeptieren trotzdem die subjektive Vorstellung vom Ich. Heutzutage spielen die Naturwissenschaften eine überragende Rolle, und mangels Alternative scharen sich die meisten denkenden Menschen im Westen (in Europa mehr als in Amerika) um sie. Sie können nicht das Banner der Religion hochhalten, weil sie keine Gläubigen sind.

Und so kommen sie zu einem Weltbild, in dessen Mittelpunkt die menschliche Maschine steht und nicht die menschliche Kreatur, die Maschine und nicht der Mensch mit absoluten moralischen Verpflichtungen gegenüber dem Mitmenschen. Die Vertreter dieser Anschauung tun die Größe und Tragik der menschlichen Existenz mit einem Schulterzucken ab. In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft eine Verachtung gegenüber den Religionen gezeigt, die sich deutlich unterscheidet von dem Respekt und der Aufgeschlossenheit älterer Generationen.

Aber die meisten Menschen, auch wenn sie an die Wissenschaft glauben und von wissenschaftlichem Denken überzeugt sind, verachten die Religion keineswegs. Sie akzeptieren durchaus das Prophetenwort: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,8). Vor allem glauben sie an das Leben, an die Heiligkeit und spirituelle Bedeutung des subjektiven Ichs, des eigenen und desjenigen der Mitmenschen. Und an die Notwendigkeit, um fast jeden Preis den fragilen Strahl von Raumzeit zu schützen, der das menschliche Leben ist.

Wie bezeichnen wir solche Menschen? Sie glauben nicht an Gott und sind keine praktizierenden Christen oder Juden. Aber das spirituelle Licht der Religion begleitet sie auf ihrem (unvollkommenen) Weg durch gefährliche moralische Leere und Gleichgültigkeit. Statt solche Menschen mangels Alternative in das szientistische Lager zu zwingen, brauchen wir ein neues Banner auf dem intellektuellen Feld, die Fahne der atheistischen Gläubigen, die mit ihrer Skepsis und ihrem spirituellen Ernst von großer Bedeutung für die Zukunft der westlichen Gesellschaften sind.

Warum überdauert religiöses Denken die Begründung, der sie entspringt, den Gottesglauben, der an stürmischen Tagen unser Briefbeschwerer war, der verhinderte, dass unsere Moral und unsere spirituellen Anschauungen durcheinanderwirbelten, wenn wir das Fenster öffneten? Wenn Gott tot ist, wie kann die Religion noch immer so viel Licht und Energie ausstrahlen? Sind das die letzten Momente eines verlöschenden Sterns? Oder ist es die leuchtende Korona einer kurzzeitig verdeckten Sonne? So oder so - wenn atheistische Gläubige sich ihrer Existenz bewusst werden, muss das zu einem Wandel in der westlichen Welt führen.

David Gelernter: Der Rechnerzweifler

David Gelernter, geboren 1955, hat mit seinen Forschungen die Grundlagen des World Wide Web geschaffen. Sein Name ist eng mit dem Siegeszug des digitalen Zeitalters verbunden, sein Buch „Mirror Worlds“ (1991) nimmt die wichtigsten Entwicklungen digitaler Kommunikation aus den vergangenen zwei Jahrzehnten vorweg, bis hin zum iPad. Am 24. Juni 1993 wurde er durch einen Sprengsatz des „Una-Bombers“ Ted Kaczynski schwer verletzt. David Gelernter lehrt Computerwissenschaft in Yale.

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