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Das ist Googles Wille : Die neue digitale Planwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Google-Chef Eric Schmidt, rechts im Bild, lernt von Psy den Gangnam Style. Den beherrscht er also jetzt auch Bild: dpa

Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google, und Jared Cohen, einst Hillary Clintons Berater, haben ein Buch geschrieben, das man als Plan lesen muss. Warum lässt die Politik die Informationsmonopolisten so ungehindert gewähren?

          Wenn der Chef des mächtigsten Medienkonzerns der Welt gemeinsam mit seinem außenpolitischen Berater ein Buch über unser aller Zukunft schreibt, dann ist es angezeigt, auf den Gebrauch des Futurs zu achten. Eric Schmidt, Aufsichtsratschef von Google und Jared Cohen, einst das Wunderkind im Außenministerium von Hillary Clinton, ehe Google ihn abwarb, erzählen unter dem Titel „The New Digital Age“ die Zukunft der Informationsgesellschaft. Vermutlich gibt es weltweit niemanden, der mehr darüber weiß oder erfahren könnte als diese beiden; mit Sicherheit kaum ein anderes Unternehmen, das auf absehbare Zeit mehr Anteil an der Gestaltung dieser Zukunft haben wird als das ihre.

          Deshalb ist ihr Essay nicht nur eine Prognose, sondern auch ein Plan. Man könnte es für Bescheidenheit halten, dass in diesem Buch über die Rolle Googles in den nächsten Jahrzehnten eher beiläufig geredet wird; es ist aber die Art von Bescheidenheit, die einst der „abwesende Gott“ für sich beanspruchte: wir sehen ihn nicht, aber er ist es, der am Ende die Fäden zieht.

          Die Formalisierung unentdeckter Märkte

          Das Futur in diesem Buch ist das Futur des technologischen Determinismus, wie man es aus unzähligen Traktaten zum digitalen Zeitalter kennt: „Wir werden“, „es wird“, „man wird uns“. Im Inneren der Maschine gelten die Gesetze der Maschine, und wo alles im Innern des Apparats webt und lebt, wird das Gesetz der Maschine zum Naturgesetz. Das ist die Hauptprämisse dieser Prophetie. Es ist aber ein Unterschied, ob man in dieser geläufigen Rhetorik techno-utopischer Traktate von der Begrünung von Wüsten, der Besiedlung des Mondes oder auch von selbstfahrenden Autos spricht, oder von einer Technologie, deren Evolutionsstufen am Grade ihrer Verschmelzung mit dem Menschen gemessen wird. „Es wird vermutet“, so schreiben die Autoren, „dass 90 Prozent der Weltbevölkerung, die Handys besitzen, sie 24 Stunden am Tag in drei Fuß Entfernung bei sich haben.“

          Jeder neue Output des Silicon Valley, von Googles Datenbrille bis zur nächsten Generation ultrabilliger Speichermedien, ist ein Ereignis der sozialen Physik. Technisch gesprochen, handelt es sich dabei fast immer um eine weitere Formalisierung von bislang unentdeckten Märkten durch Algorithmen (im Alltagsleben besorgen das Millionen Arbeitsbienen namens Apps). Die „Meister“ auf diesem Gebiet sind die Geldmaschinen des 21. Jahrhunderts, Wall Street, Google, Apple oder Facebook.

          Ein „offizielles Profil“ für jeden Einzelnen

          Sozial handelt es sich schlicht darum, Menschen effizient zu organisieren. Das Zeitalter des Motors war erregt von der Idee, sich die Kräfte der Natur, die Energieexplosion von Feuer, Dampf und Verbrennung, untertan gemacht zu haben. Der digitale Tycoon schwärmt von der Idee, die Kräfte des Sozialen auf einen Microchip zu verlöten. In seinem Universum haben, wovon seine Vorgänger nur träumen konnten, auch Gedanken, Assoziationen, Gedächtnis, Gefühle oder Absichten ein physikalisches Gewicht.

          Der technologische Determinismus hat keine Zweifel daran, dass sich Gedanken berechnen, bewerten und verkaufen lassen können; er rechnet eine Welt, in der sich heute schon hundert Kilometer entfernte Roboter einzig mit der Kraft der Gedanken bewegen lassen, auf die Zukunft hoch. „Ihre künftige Online-Identität wird wahrscheinlich keine einfache Facebook-Seite sein; es wird eher eine Konstellation von Profilen all Ihrer Online-Aktivitäten sein, die von Regierungen verifiziert und womöglich sogar reguliert werden. Stellen Sie sich vor, dass alle Ihre Accounts - Facebook, Twitter, Skype, Google+, Netfix, das Abo bei der „New York Times“ - in ein ,offizielles Profil’ verschmelzen. Bei den Suchergebnissen werden Informationen, die mit verifizierten Online-Profilen verbunden sind, höher gewichtet als solche ohne Verifikation.“

          Am Ende gewinnt das digitale Ich

          Übertragen auf die physikalische Welt, die wir kennen, würde (und wird) das bedeuten, dass wir bald Autos nicht mehr nur danach beurteilen, wie viel Sprit sie verbrauchen, wie sie aussehen oder wie teuer sie sind, sondern, wie genau sie das Fahrverhalten an die Cloud, die Werkstatt, die Versicherung, die Polizei oder den Freundeskreis zurückmelden. Zwischen der Selbstdiagnosefunktion des Autos und der Diagnose ihres menschlichen Benutzers - das eine in die Werkstatt, der andere zum Idiotentest - besteht dann kein Unterschied mehr. Solche Rückkoppelungssysteme, die mit dem Leben der Menschen mitfahren, mitlaufen und am Ende mithinken - „im Inneren der neuen Titan-Hüfte deines Großvaters wird ein Chip installiert sein, der als Pedometer fungiert“ -, sind das Wesen der sozialen Physik und der Kern der vorgeblich „technischen“ Innovationen.

          Die Zeiten, wo das digitale Ich dem empirischen Menschen auf Fleisch und Blut wie ein Schatten folgt, sind bald vorbei. Das digitale Ich, jetzt noch Nummer 2, wird Nummer 1 immer häufiger ersetzen, verändern und zumindest in wesentlichen Teilen übernehmen. Abgestumpft, wie wir in diesen Fragen geworden sind, können Sätze wie: „Identität, der wertvollste Rohstoff des Bürgers in der Zukunft, wird primär online existieren“ ihren explosiven Charakter gut verbergen. Welcher Suchalgorithmus qualifiziert dann das Leben von der Geburt bis zur Bahre? Welche Modelle entscheiden dann über die Semantik eines Lebens?

          Verweigerung als Risiko

          Das vielfach in Literatur und Kunst bezeugte Staunen der Viktorianer, die eines Tages plötzlich bemerkten, dass sie im Inneren einer Maschine aufgewacht sind, hat im einundzwanzigsten Jahrhundert bislang nur brüchige Echos gefunden. Doch auch ein im Kern techno-optimistisches und über unausgesprochene Abgründe dahin segelndes Buch wie das vorliegende ist ein Indiz, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch unsere Gesellschaft von ähnlichem Erschrecken heimgesucht wird. Maschinenintelligenz kennt Alternativen, aber keine Alternative zu sich selbst - das macht ihre potentiell kerkerhafte Architektur aus.

          Denn einen Ausweg, so auch die Autoren, durch Verweigerung gibt es womöglich nicht: „Regierungen könnten der Meinung sein, dass es zu riskant ist, Bürger außerhalb des Netzes zu haben, abgelöst vom technologischen Ökosystem. Ohne Zweifel werden auch in der Zukunft Menschen sich weigern, sich an Technologien anzupassen und sie zu benutzen, Menschen, die nichts mit virtuellen Profilen zu tun haben wollen, Online-Systemen oder Smartphones. Eine Regierung könnte glauben, dass Menschen, die vollständig aussteigen, etwas zu verbergen haben und deshalb eher Gesetze brechen könnten; als eine Maßnahme der Terrorismusabwehr könnten Regierungen eine Art ,Verborgene-Menschen’-Register erstellen.“

          Es lohnt sich, die Passagen über Terrorismusabwehr in diesem Buch genau zu lesen. So verständlich Maßnahmen der Terrorbekämpfung sind, so unübersehbar ist es, dass unter dem Begriff des Terrors eine Industrie und ein politisch-technologischer Markt entstehen, die die schwarze Seite der neuen Technologien verkörpern. Überwachungsmodelle wie die in Mexico-City - Schmidt und Cohen beschreiben sie ausführlich - lassen ahnen, in welcher Weise sich Antiterrordateien auch in genuin demokratischen Staaten ohne rechtliche Einhegung entwickeln könnten: eine Welt, in der sämtliche Polizeibehörden und Geheimdienste über eine gemeinsame Plattform jede Information, jedes Gerücht, jede digitale oder physikalische Spur aufzeichnen, speichern und algorithmisch auswerten.

          Sie verschweigen ihre ökonomischen Interessen

          Man kann nicht sagen, dass Schmidt und Cohen die moralischen, rechtlichen und sozialen Effekte dieser von ihnen selbst so genannten „brave new world“ kleinreden. Es ist einigermaßen faszinierend, wie die Protagonisten einer Datenkrake wie Google unablässig von Datenschutz reden, ohne Google selbst zu erwähnen. Dennoch machen sie den Handlungsbedarf demokratischer Gesellschaften deutlich - zur Not gegen die Absichten der Urheber, auch gegen Google. Man mag Journalisten oder dem Chaos Computer Club und auch dem Bundesverfassungsgericht Übertreibung, eine zu hohe Sensibilität gegenüber den Gefahren der Überwachungswelt vorwerfen. Umso wichtiger ist ein lakonischer Satz wie der folgende, gerade weil er aus dem Herzen einer der intransparentesten und effizientesten Datenkraken unserer Zeit kommt: „Wir müssen für unsere Privatsphäre kämpfen, oder wir werden sie verlieren.“

          Schmidt und Cohen schreiben mit der Vorsicht und Diskretion von Regierungschefs, wo es auch für sie schmerzhaft werden würde. Kein Hinweis auf die digitalen Sozialexperimente, die Google permanent im Netz veranstaltet, um Präferenzen zu testen. Fast nichts über das Screening von Emotionen und die Semantik von Gefühlen - Dinge, von denen Google sehr viel weiß. Vor allem aber beschreiben sie die neue Welt, ohne mit einem Wort auf die ökonomischen Interessen einzugehen, die das kommerzialisierte Internet völlig verändert haben, ja, ohne ein Wort über die neue Wall-Street-Ökonomie des Intimsten - eine Ökonomie, von der niemand so sehr profitiert wie Google oder Facebook.

          Nicht lange her, da trug Eric Schmidt Gedanken aus seinem Buch vor geisteswissenschaftlichenFellows der „American Academy“ in Berlin vor. Nach der Rede meldeten sich einige der amerikanischen Fellows zu Wort. „We are horrified“ (“Wir sind entsetzt“), sagten sie. Schmidt, sichtlich erstaunt über die Reaktion, war gleichwohl dankbar: Der Widerspruch sei wichtig für sein neues Buch. Ist man nun weniger „horrified“, wo das fertige Werk vorliegt?

          Zieht man ab, was diplomatische Glättung, Taktiererei und Vorsicht ist, zieht man ab, was er unter dem Stichwort „Terrorismusabwehr“ referiert und teilweise propagiert, stellt sich eine andere Emotion ein: die des Erschreckens angesichts des Laissez-faire der Politik, der europäischen an erster Stelle. Was wir im Bereich automatisierter Märkte an der Wall Street schmerzlich erleben mussten, gilt auch hier: Märkten darf im Bereich der Informationsökonomie nicht das Monopol überlassen werden, das Gleichgewicht herzustellen.

          Der Glaube daran kostet an der Wall Street vielleicht nur Geld und Pensionen; im Bereich der Informationsökonomie, die im Begriff ist, sich zu einer Planwirtschaft weniger Spieler zu verwandeln, kostet sie buchstäblich die Autonomie des Einzelnen. Schon stellt Paul Krugman die Frage, ob digitale Suche nicht vergesellschaftet werden müsste. Ein Narr, wer glaubt, das sei eine Frage von „links“ und „rechts“. Es ist eine Frage, wann wer wie und mit welchem Ziel politische Entscheidungen trifft.

          Jared Cohen leitet bei Google die Abteilung „Ideas“. Gemeinsam mit Schmidt ...
          ... veröffentlicht er das programmatische Buch „The New Digital Age. Reshaping The Future Of People And Business."

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