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Das ist Googles Wille : Die neue digitale Planwirtschaft

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Sie verschweigen ihre ökonomischen Interessen

Man kann nicht sagen, dass Schmidt und Cohen die moralischen, rechtlichen und sozialen Effekte dieser von ihnen selbst so genannten „brave new world“ kleinreden. Es ist einigermaßen faszinierend, wie die Protagonisten einer Datenkrake wie Google unablässig von Datenschutz reden, ohne Google selbst zu erwähnen. Dennoch machen sie den Handlungsbedarf demokratischer Gesellschaften deutlich - zur Not gegen die Absichten der Urheber, auch gegen Google. Man mag Journalisten oder dem Chaos Computer Club und auch dem Bundesverfassungsgericht Übertreibung, eine zu hohe Sensibilität gegenüber den Gefahren der Überwachungswelt vorwerfen. Umso wichtiger ist ein lakonischer Satz wie der folgende, gerade weil er aus dem Herzen einer der intransparentesten und effizientesten Datenkraken unserer Zeit kommt: „Wir müssen für unsere Privatsphäre kämpfen, oder wir werden sie verlieren.“

Schmidt und Cohen schreiben mit der Vorsicht und Diskretion von Regierungschefs, wo es auch für sie schmerzhaft werden würde. Kein Hinweis auf die digitalen Sozialexperimente, die Google permanent im Netz veranstaltet, um Präferenzen zu testen. Fast nichts über das Screening von Emotionen und die Semantik von Gefühlen - Dinge, von denen Google sehr viel weiß. Vor allem aber beschreiben sie die neue Welt, ohne mit einem Wort auf die ökonomischen Interessen einzugehen, die das kommerzialisierte Internet völlig verändert haben, ja, ohne ein Wort über die neue Wall-Street-Ökonomie des Intimsten - eine Ökonomie, von der niemand so sehr profitiert wie Google oder Facebook.

Nicht lange her, da trug Eric Schmidt Gedanken aus seinem Buch vor geisteswissenschaftlichenFellows der „American Academy“ in Berlin vor. Nach der Rede meldeten sich einige der amerikanischen Fellows zu Wort. „We are horrified“ (“Wir sind entsetzt“), sagten sie. Schmidt, sichtlich erstaunt über die Reaktion, war gleichwohl dankbar: Der Widerspruch sei wichtig für sein neues Buch. Ist man nun weniger „horrified“, wo das fertige Werk vorliegt?

Zieht man ab, was diplomatische Glättung, Taktiererei und Vorsicht ist, zieht man ab, was er unter dem Stichwort „Terrorismusabwehr“ referiert und teilweise propagiert, stellt sich eine andere Emotion ein: die des Erschreckens angesichts des Laissez-faire der Politik, der europäischen an erster Stelle. Was wir im Bereich automatisierter Märkte an der Wall Street schmerzlich erleben mussten, gilt auch hier: Märkten darf im Bereich der Informationsökonomie nicht das Monopol überlassen werden, das Gleichgewicht herzustellen.

Der Glaube daran kostet an der Wall Street vielleicht nur Geld und Pensionen; im Bereich der Informationsökonomie, die im Begriff ist, sich zu einer Planwirtschaft weniger Spieler zu verwandeln, kostet sie buchstäblich die Autonomie des Einzelnen. Schon stellt Paul Krugman die Frage, ob digitale Suche nicht vergesellschaftet werden müsste. Ein Narr, wer glaubt, das sei eine Frage von „links“ und „rechts“. Es ist eine Frage, wann wer wie und mit welchem Ziel politische Entscheidungen trifft.

Jared Cohen leitet bei Google die Abteilung „Ideas“. Gemeinsam mit Schmidt ...
Jared Cohen leitet bei Google die Abteilung „Ideas“. Gemeinsam mit Schmidt ... : Bild: AFP
... veröffentlicht er das programmatische Buch „The New Digital Age. Reshaping The Future Of People And Business."
... veröffentlicht er das programmatische Buch „The New Digital Age. Reshaping The Future Of People And Business." : Bild: AP

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