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Das ist Googles Wille : Die neue digitale Planwirtschaft

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Am Ende gewinnt das digitale Ich

Übertragen auf die physikalische Welt, die wir kennen, würde (und wird) das bedeuten, dass wir bald Autos nicht mehr nur danach beurteilen, wie viel Sprit sie verbrauchen, wie sie aussehen oder wie teuer sie sind, sondern, wie genau sie das Fahrverhalten an die Cloud, die Werkstatt, die Versicherung, die Polizei oder den Freundeskreis zurückmelden. Zwischen der Selbstdiagnosefunktion des Autos und der Diagnose ihres menschlichen Benutzers - das eine in die Werkstatt, der andere zum Idiotentest - besteht dann kein Unterschied mehr. Solche Rückkoppelungssysteme, die mit dem Leben der Menschen mitfahren, mitlaufen und am Ende mithinken - „im Inneren der neuen Titan-Hüfte deines Großvaters wird ein Chip installiert sein, der als Pedometer fungiert“ -, sind das Wesen der sozialen Physik und der Kern der vorgeblich „technischen“ Innovationen.

Die Zeiten, wo das digitale Ich dem empirischen Menschen auf Fleisch und Blut wie ein Schatten folgt, sind bald vorbei. Das digitale Ich, jetzt noch Nummer 2, wird Nummer 1 immer häufiger ersetzen, verändern und zumindest in wesentlichen Teilen übernehmen. Abgestumpft, wie wir in diesen Fragen geworden sind, können Sätze wie: „Identität, der wertvollste Rohstoff des Bürgers in der Zukunft, wird primär online existieren“ ihren explosiven Charakter gut verbergen. Welcher Suchalgorithmus qualifiziert dann das Leben von der Geburt bis zur Bahre? Welche Modelle entscheiden dann über die Semantik eines Lebens?

Verweigerung als Risiko

Das vielfach in Literatur und Kunst bezeugte Staunen der Viktorianer, die eines Tages plötzlich bemerkten, dass sie im Inneren einer Maschine aufgewacht sind, hat im einundzwanzigsten Jahrhundert bislang nur brüchige Echos gefunden. Doch auch ein im Kern techno-optimistisches und über unausgesprochene Abgründe dahin segelndes Buch wie das vorliegende ist ein Indiz, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch unsere Gesellschaft von ähnlichem Erschrecken heimgesucht wird. Maschinenintelligenz kennt Alternativen, aber keine Alternative zu sich selbst - das macht ihre potentiell kerkerhafte Architektur aus.

Denn einen Ausweg, so auch die Autoren, durch Verweigerung gibt es womöglich nicht: „Regierungen könnten der Meinung sein, dass es zu riskant ist, Bürger außerhalb des Netzes zu haben, abgelöst vom technologischen Ökosystem. Ohne Zweifel werden auch in der Zukunft Menschen sich weigern, sich an Technologien anzupassen und sie zu benutzen, Menschen, die nichts mit virtuellen Profilen zu tun haben wollen, Online-Systemen oder Smartphones. Eine Regierung könnte glauben, dass Menschen, die vollständig aussteigen, etwas zu verbergen haben und deshalb eher Gesetze brechen könnten; als eine Maßnahme der Terrorismusabwehr könnten Regierungen eine Art ,Verborgene-Menschen’-Register erstellen.“

Es lohnt sich, die Passagen über Terrorismusabwehr in diesem Buch genau zu lesen. So verständlich Maßnahmen der Terrorbekämpfung sind, so unübersehbar ist es, dass unter dem Begriff des Terrors eine Industrie und ein politisch-technologischer Markt entstehen, die die schwarze Seite der neuen Technologien verkörpern. Überwachungsmodelle wie die in Mexico-City - Schmidt und Cohen beschreiben sie ausführlich - lassen ahnen, in welcher Weise sich Antiterrordateien auch in genuin demokratischen Staaten ohne rechtliche Einhegung entwickeln könnten: eine Welt, in der sämtliche Polizeibehörden und Geheimdienste über eine gemeinsame Plattform jede Information, jedes Gerücht, jede digitale oder physikalische Spur aufzeichnen, speichern und algorithmisch auswerten.

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