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Daniel Suarez im Gespräch : Schwärme von Tötungsmaschinen

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Im Kalten Krieg konnte die Stabilität nur gewahrt bleiben, weil alle Seiten sich der Folgen eines Scheiterns der atomaren Abschreckung nur allzu bewusst waren. Heute scheinen die Strategen zu lernen, dass angesichts der neuen Realitäten des Cyberkriegs, in dem der Ursprung eines Angriffs nur dann zu ermitteln ist, wenn die angreifende Seite dies möchte - man denke an Stuxnet und Flame -, die im Kalten Krieg herrschende Logik einer auf sicherer wechselseitiger Vernichtung basierenden Abschreckung nicht mehr wirklich funktioniert. Wenn nun die Kriegführung mit Drohnen sich zu einer physischen Erweiterung des Cyberkriegs entwickelt, scheint es doch eher unwahrscheinlich, dass ein vertraglicher Rahmen geschaffen werden kann, bevor es wirklich gefährlich wird. Wie könnte eine strategische Logik funktionieren, die eine Kooperation in Gestalt von Verträgen für die wichtigsten Beteiligten attraktiv macht?

Es stimmt, dass die sichere gegenseitige Vernichtung des Kalten Kriegs nicht auf die autonomen Drohnen übertragen werden kann. Aber man sollte die abschreckende Wirkung von Roboterwaffen auf die Zivilgesellschaft nicht unterschätzen. Wir sollten unbedingt vermeiden, dass es zu einem Zustand ständiger, mit geringer Intensität geführter, chirurgisch präziser kriegerischer Handlungen kommt. Eine wirksame Rüstungskontrolle auf dem Gebiet der Roboterwaffen wird sicher schwer zu erreichen sein, aber wir müssen es versuchen. Da die führenden Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik die bevorzugten Ziele autonomer Roboterwaffen sein werden, glaube ich, dass man ein internationales Abkommen über Roboterwaffen unterzeichnen wird. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Abkommen ausdrücklich den Einsatz von Roboterwaffen gegen „einzelne Bürger“ einschränkt - und nicht nur gegen Staatsoberhäupter. Das mag auf der Hand liegen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es für manche politische Führer sehr verlockend sein wird, diese Waffen zur Lösung innen- und außenpolitischer „Probleme“ zu nutzen. Sie werden sich die Möglichkeit sichern wollen, sie im Geheimen einzusetzen. In der Kombination mit Hightech-Überwachungssystemen kann man Roboterwaffen äußerst wirkungsvoll zur Bekämpfung von politischen Protesten oder Volksbewegungen verwenden. Und anders als die politische Führung wird der einzelne Bürger sich keine ausgeklügelten Schutzvorrichtungen gegen Drohnen leisten können. Deshalb darf der Vertrag keine Vereinbarung sein, in der die politischen Führungen übereinkommen, keine Drohnen gegeneinander einzusetzen, und dabei im Unklaren lassen, ob sie sie gegen die Bevölkerung einsetzen dürfen. Da autonome Drohnen nicht die grauenhafte Strahlenhölle heraufbeschwören, die ein thermonuklearer Krieg gebracht hätte, ist es erforderlich, deren unerträgliche Auswirkungen auf die demokratischen Institutionen allseits bekanntzumachen, so dass die Öffentlichkeit eine gewisse Vorstellung von den drohenden Gefahren hat, wenn die ersten Symptome sich zeigen. Das ist meines Erachtens der Zeitpunkt, an dem die besten Chancen für eine wirkungsvolle politische Aktion zur Eindämmung der Gefahren von Roboterwaffen bestehen.

Das Gespräch führte Frank Rieger.

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