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Daniel Suarez im Gespräch : Schwärme von Tötungsmaschinen

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Daniel Suarez

Aber welche Folgen hat das für die Gesellschaften, die solche Systeme einsetzen? Was bedeuten autonome Flotten von Kampfmaschinen für die Konzentration politischer Macht in einer Gesellschaft?

Ich glaube, sie werden autoritäre Regierungen stärken, die in der Lage sind, diese Waffen in Verbindung mit einer allgegenwärtigen Überwachung einzusetzen, durch die sie selbst bei verbreitetem Widerstand in der Bevölkerung die Kontrolle behalten können. Deshalb ist es wichtig, dass von Anfang an Mechanismen wechselseitiger Kontrolle und Transparenz in den Einsatz der Drohnen eingebaut werden, weil es sonst zu ungeahnten und unkontrollierten Machtkonzentrationen kommt. Bislang sind keinerlei Mechanismen dieser Art geschaffen worden, und der Prozess der Zielerkennung ist eine Black Box. Transparenz fehlt hier vollständig.

Sprechen wir über die sozialen und politischen Folgen. Ich kann mir mehrere Szenarien vorstellen, von denen Sie einige auch in „Kill Decision“ beschreiben. Vereinfachung gezielter Mordanschläge, drakonische Sicherheitsvorkehrungen, Anti-Drohnen-Drohnen, vergebliche Bemühungen um technologische Beschränkungen, Überwachungssysteme, deren Reichweite und Intensität binnen Minuten hochgefahren werden können. Was wird sich Ihres Erachtens in der Gesellschaft verändern, wenn es zu einem massiven Einsatz von Drohnen kommt?

Es käme zu einer Zersetzung der demokratischen Institutionen. Weshalb sollte das allgemeine und gleiche Wahlrecht fortbestehen, wenn die Mächtigen - im Staat, in der Privatwirtschaft, im kriminellen Bereich oder wo auch immer - ohne großen Kostenaufwand, zuverlässig und ohne eigenes Risiko Gewalt einsetzen könnten? Gibt es irgendeine Zeit in der menschlichen Geschichte, in der demokratische Formen fortbestanden, wenn die Bürger nicht glaubwürdig ihre Rechte verteidigen konnten? Macht wird nicht geteilt, wenn es nicht sein muss.

Wie groß ist der Druck, die „Tötungsschleife“ durch eine Minimierung des menschlichen Einflusses zu beschleunigen?

„Letale Autonomie“ ist der Ausdruck, mit dem man Drohnen charakterisiert, die eigenständig Tötungsentscheidungen treffen, ohne dass daran noch ein Mensch beteiligt wäre. Ich halte es für wahrscheinlich, dass innerhalb der Nato, aus politischen Gründen, in der näheren Zukunft auch weiterhin Menschen in die Tötungsentscheidung eingebunden bleiben, zumindest offiziell. Es gibt jedoch starke Triebkräfte, die in Richtung einer letalen Autonomie der Drohnen drängen. Das schiere Volumen an Videodaten von Drohneneinsätzen, die über moderne militärische Netzwerke übermittelt werden, übersteigt heute schon die Fähigkeit von Menschen, alles zu überblicken. Die amerikanische Drohnenflotte flog im Jahr 2004 Einsätze mit einer Gesamtdauer von 71 Stunden. Die Zahl stieg auf 25 000 Stunden im Jahr 2009 und, nach Schätzungen des Pentagon, auf 300 000 Stunden im Jahr 2011. Außerdem werden Drohnen mit immer mehr Augen ausgerüstet. Das Gorgon-Stare- und das Argus-Projekt könnten jede Drohne mit bis zu 65 unabhängig voneinander operierenden Kameras ausrüsten, die eine Überwachung riesiger Flächen ermöglichten - aber auch noch mehr Bilder lieferten, die ausgewertet werden müssten. So werden denn schließlich Drohnen den Menschen sagen, worauf sie achten sollen, und nicht umgekehrt. Wichtiger noch ist die Tatsache, dass ferngesteuerte Drohnen eine entscheidende Schwäche besitzen: Jeder technisch einigermaßen gut gerüstete Gegner kann sie auf elektromagnetischem Wege stören. Und noch ein Faktor wird Entwicklung und Einsatz autonomer Drohnen fördern: die Möglichkeit, ihren Einsatz zu leugnen, wodurch sie zu einem wichtigen Bestandteil anonymer Kriegführung wird.

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