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Aus dem Maschinenraum (17) : Ein echter Bürgerkopf ist nicht vermessbar

  • -Aktualisiert am

Viele biometrische Werkzeuge formen ein Menschenbild nach den eigenen Defiziten Bild: AP

Sicherheitstechnik mit Lücken und Tücken: Die biometrische Datenerfassung, die bei den neuen Pässen und Personalausweisen zum Einsatz kommt, ist reichlich störanfällig. Noch schlimmer: Sie könnte zur Diskriminierung von großen Teilen der Bevölkerung führen.

          Sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrer Kopfform? Empfinden Sie Ihr Gesicht als etwas zu lang? Sie mögen die Fragen vielleicht seltsam finden. Vor Ihrem nächsten Besuch beim Meldeamt könnten sie sich dennoch stellen, wenn Sie einen neuen Pass oder ab November einen neuen Ausweis bestellen möchten.

          Der neue elektronische Ausweis ist ein wenig ins Gerede gekommen in letzter Zeit, denn ganz so sicher wie versprochen ist er nun doch nicht. Modern soll er aber wirken, volldigital, praktisch als Kärtchen fürs Portemonnaie. Er soll ein Identitätsdokument für das 21. Jahrhundert sein, so der Bundesinnenminister.

          Ein Haufen neuer Technologien wurde hineingestopft, von digitalen Unterschriften, elektronischem Identitätsnachweis bis zu Messdaten über die Benutzerkörper, vulgo ein biometrisches Frontalgesichtsbild und – derzeit noch freiwillig – die Fingerabdrücke. Das Passbild muss exakt den Anforderungen der automatischen Gesichtserkennung entsprechen, genau wie beim biometrischen Reisepass. Und hier kommen wieder Ihre Gesichtsparameter ins Spiel.

          Digitale Gesichtskosmetik

          Denn die Bürgerkopfformen taugen in der Praxis eben nicht alle für die erträumte algorithmische Erkennung von Gesichtern. Damit die nicht immer vollkommen standardkonformen Antlitze der doch höchst unterschiedlichen Erfassungssubjekte in die vorgeschriebenen Schablonen passen, ist es seit Einführung des biometrischen Reisepasses 2005 üblich geworden, per digitaler Bildbearbeitung passend zu machen, was nicht von Natur aus passt. Eierköpfe werden abgeflacht, breitschädlige Zeitgenossen elegant verschlankt, Nasen werden versetzt, Narben retuschiert. Das erfreut zwar manchen Kunden, doch in Wahrheit ist es ein echter Schildbürgerstreich: Zwangsläufig geht bei der digitalen Retusche die maschinelle Erkennbarkeit durch die Algorithmen verloren, denn die Merkmale der Gesichter, an denen sich die Software orientiert, werden verschoben, begradigt oder verzerrt.

          Biometrische Erkennung funktioniert aber in der Praxis keineswegs wie in den amerikanischen Fernsehserien. In Wirklichkeit erfordert eine biometrische Erkennung eine gut ausgeleuchtete, vor allem aber korrekte Darstellung des menschlichen Kopfes, direkt von vorn und unverzerrt. Das ist auch der Grund, warum das Lächeln in Zukunft für die Personalausweisfrontalbilder untersagt ist. Beim Preis von knapp dreißig Euro für den neuen Ausweis vergeht einem das aber ohnehin.

          Schwach begründete Datenerfassung

          Das Zerschellen von luftigen Sicherheitsarchitekturen beim Kontakt mit der Praxis scheint ein Wesensmerkmal moderner deutscher Identitätstechnologie zu sein. Früher als sicherste Dokumente der Welt gepriesen, ist unter dem Druck von Politik und Wirtschaft die einstmals geradezu sprichwörtliche Sorgfalt bei der Konzeption der hoheitlichen Dokumente offenbar verlorengegangen. Die Fingerabdruckerfassung für den neuen Personalausweis ist erst nach heftigem Widerstand freiwillig geblieben. Eine der spannenden Fragen wird nun sein, wie viele Bürger sich im Namen eines diffusen Sicherheitsversprechens freiwillig erkennungsdienstlich erfassen lassen wollen. Denn angesichts der unbestreitbar hohen Fälschungssicherheit der alten Ausweise und fehlender Belege für eine bestehende Sicherheitslücke gibt es für die Aufnahme biometrischer Daten keine sachliche Begründung.

          Die Industrie hatte angesichts der hinlänglich bekannten Risiken mit gestohlenen und nachgemachten Fingerabdrücken ohnehin nur ein gedämpftes Interesse, was dann wohl zusammen mit dem öffentlichen Aufruhr zur Entschärfung der Fingerabdruckerfassung durch Freiwilligkeit beitrug. Ex-Innenminister Schäubles veröffentlichter Abdruck nebst Nachbauanleitung war ein warnendes Beispiel für die prinzipielle Ungeeignetheit der Technik als Sicherheitsmerkmal. Der bemitleidenswerte malayische Fahrer einer Nobelkarosse, dem der zur Inbetriebnahme seines Fahrzeugs notwendige Finger gewaltsam entwendet wurde, war ein drastischeres Beispiel des Biometrieproblems.

          Nacktscanner als Krankenakte

          Die Fingerabdrücke sind nicht nur kein Beitrag zur Sicherheit, ähnlich wie die verkorkste Kopfform-Schablone diskriminieren sie einen durchaus nennenswerten Teil der Bevölkerung. Internationale Studien zeigen, dass europaweit mehrere Millionen Menschen keine verwertbaren Fingerabdrücke haben – sei es durch Hautveränderungen oder -krankheiten oder durch alters- oder berufsbedingten Abschliff der Papillen. Frauen und besonders Senioren sind zusätzlich schlechter wiedererkennbare Problemgruppen dieser Technik.

          Dieses Muster der Diskriminierung durch Sicherheitstechnologien setzt sich bei den Nacktscannern fort. Nicht nur Rollstuhlfahrer passen kaum durch die Scanner-Portale, auch Träger verschiedener medizinischer Hilfsmittel wie künstlicher Darmausgänge, Implantate oder Medikamentenpumpen müssen mit diskriminierender Entblößung rechnen. Schon heute kämpfen nicht wenige dieser Menschen häufig mit Verdächtigungen und erzwungenen Durchsuchungen, weil Warensicherungsanlagen in Geschäften auf das Metall im Körper anspringen. Es bleibt oft nicht viel anderes übrig, als dem Sicherheitspersonal das eigene medizinische Schicksal offenzulegen, um einer Durchsuchung zu entgehen. Das Flughafenpersonal wühlt demnächst nicht mehr nur in den privaten Toilettenartikeln, sondern auch in der persönlichen Krankenhistorie.

          Dass die Menschenwürde dem Streben nach vermeintlicher Sicherheit geopfert wird, ist kein neues Phänomen. Wir haben allerdings einen Punkt erreicht, an dem immer mehr Personen Opfer der Diskriminierung durch Sondersicherheitsprüfungen werden, weil sie nicht ins Raster der schwachbrüstigen Technologien passen. Menschen mit gesundheitlichen Problemen, von der Ideal-Standard-Norm abweichenden Körperformen oder auch nur persönlichen Schönheitsidealen, die viel Metall in der Haut bevorzugen, haben es ohnehin im Alltag nicht leicht. Dass sie nun im Namen der Sicherheit aussortiert und damit gedemütigt werden, ist einer ordentlichen Zivilisation nicht würdig.

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