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Aus dem Maschinenraum (16) : Wenn keine Geheimzahl ein Geheimnis bleibt

  • -Aktualisiert am

In der Kreditkartenklemme: die neuen Karten stellen Hacker nicht vor unlösbare Aufgaben Bild: AFP

Die Kreditkartenbranche wirbt mit der Sicherheit der kleinen Plastikkärtchen, die das Bargeld ersetzen, und führt eine neue Technologie ein. Aber der neue Chip macht unsere kleinen Geldgeschäfte nicht sicherer, sondern erleichtert den Kriminellen die Arbeit.

          Die Risiken der modernen Digitalwelt manifestieren sich oft mit überraschender Lästigkeit an unerwarteter Stelle. Für mich war es diese Woche der Blick in den Briefkasten, der die Reise in die technischen Abgründe eröffnete. Zwischen Werbung und Urlaubspostkarten lag ein Brief meiner Bank, die mir wie allen anderen Bankkunden darin einen Tausch der Kreditkarten ankündigte - „für mehr Sicherheit“. Bunte Broschüren lagen bei, die neben dem üblichen Glück durch mehr Konsum den Eindruck vermitteln sollten, wie fürsorglich sich die Geldverwalter um meine Sicherheit kümmern.

          Doch ein Blick auf die technischen Realitäten offenbart ein gänzlich anderes Bild. Der Grund für den Austausch ist eine gravierende Schwachstelle in der Bezahltechnologie, die eigentlich Einkäufe mit der Karte vor Schurken und Langfingern sichern soll. Ein neuer Chip im bunten Polykarbonat-Viereck soll in Kürze - dem Wunder moderner Kryptographie sei Dank - alles total sicher machen.

          Allerdings wird es nur so sicher wie die Rente. Denn die neue Technologie ist in Wahrheit weitaus anfälliger, als die Banken gern glauben machen wollen. Seit Jahren gibt es im europäischen Ausland, wo der Chip in der Kreditkarte schon länger eingeführt ist, einen Anstieg an Abbuchungen, die offenbar nicht von den rechtmäßigen Besitzern getätigt wurden. Das könne überhaupt nicht sein, wenden die Banken und Kreditkartengesellschaften regelmäßig unisono ein, da würde doch nur der klamme Kartenkunde versuchen sich zu bereichern. Oder er habe die PIN direkt auf die Karte geschrieben oder nicht aufgepasst, als ihm jemand beim Eintippen über die Schulter schaute. Die üblichen Behauptungen eben, die schon bei den EC-Karten zu hören waren.

          Kartenmissbrauch, leichter gemacht

          Doch nun sollen wir uns auch PINs für Kreditkarten merken und beim Einkaufen in die Lesegeräte tippen. Beide großen Anbieter führen es ein, es gibt also kaum ein Entrinnen. Bei Visa heißt es „3D-Secure“, Mastercard nennt das neue Protokoll „SecureCode“. Schade nur für die Banken, dass renommierte Wissenschaftler der britischen Universität Cambridge das auch „Chip & PIN“ genannte System auf Schwachstellen untersucht und etliche davon gefunden haben.

          Erforscht wurden dabei nicht etwa esoterische Angriffswege, die nur theoretisch von Interesse sind, sondern es wurde nach praxisrelevanten, schnell von normalen Kleinkriminellen anwendbaren Methoden gesucht. Die Wissenschaftler versetzten sich also in die Situation eines Verbrechers, um mit seiner Denkweise die Kartensicherheit anzugreifen - die klassische Hackermethode zur Sicherheitsanalyse. Einer der Wege, um den nichtsahnenden Kunden um sein Geld zu erleichtern, ist die Verwendung einer kleinen Zusatz-Hardware. Damit werden die Kartenlesegeräte in Supermärkten oder Tankstellen überlistet. Das elektronische Bauteil erlaubt es, auch mit geklauten Kreditkarten Umsätze zu tätigen, ohne die PIN zu kennen. Das „Chip & PIN“-Verfahren soll eigentlich genau dieses Vorgehen verhindern, denn der Kriminelle soll ohne PIN keine Transaktionen vornehmen können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der neue Chip in der Kreditkarte kann den missbräuchlichen Einsatz sogar vereinfachen.

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