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Aus dem Maschinenraum (14) : Wenn die Zensur reichlich alt aussieht

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Szene aus der Dramatisierung von Maxim Billers Roman „Esra”, der einen nicht geringen Teil seiner Bekanntheit dem Verbot verdankt Bild: ddp

Früher war es leichter, unliebsame Informationen zu unterdrücken. Denn so manche einstmals bewährte Kontrollstrategie erweist sich in der Welt der digitalen Medien als stumpfe Waffe. Und nicht selten ist es erst der Zensurversuch, der das öffentliche Interesse erzeugt.

          Früher war die Welt der Zensoren noch einfach. Missliebige Publikationen wurden kurzerhand für illegal erklärt, beschlagnahmt und eingestampft. Bestenfalls gab es die inkriminierten Informationen noch als verwaschene Kopien in verrauchten Hinterzimmern oder als Raubdruck an schattig-verrufenen Büchertischen. Gerichtsentscheidungen führen auch in neuerer Zeit zu Schwärzungen bei Büchern, aber gleichzeitig oft zu vermehrtem Interesse am verbotenen Inhalt. Gerade wenn lange gerichtliche Auseinandersetzungen und die Berichterstattung darüber eine Öffentlichkeit herstellen, steigt das Bedürfnis, das umstrittene Werk selbst zu lesen. Der jahrelange Streit um Maxim Billers Roman „Esra“ und die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts machten das Buch erst bekannt. Die ungekürzte Erstausgabe erzielte bei Online-Auktionen hohe Summen.

          Die Bindung der Information an einen physischen Träger, das Papier, ermöglichte ihre Kontrolle. Nicht umsonst hatten die Machthaber im Osten ein genaues Auge darauf, wer Kopiergeräte besaß. Es wurden sogar Schriftbildproben von mechanischen Schreibmaschinen archiviert, um im Zweifelsfall den Urheber einer Abschrift oder eines Flugblattes schnell finden zu können. In den letzten Jahren aber veränderten sich die Wege, wie Informationen verbreitet und eine Öffentlichkeit hergestellt wird.

          Aufmerksamkeit durch Zensur

          Nicht selten wurden Themen, die durch die Blogosphäre oder Twitter verbreitet wurden, innerhalb weniger Stunden zur Nachricht. Auch Redakteure der Agenturen und Nachrichtenseiten lesen längst die gängigen Feeds und verfolgen, welche neuen Stichworte besonders oft auftauchen. Niemand will schließlich den frischen Scoop aus dem Internet verpassen. Das Risiko: Ein talentierter Heckenschütze kann mit etwas Geschick und gutem Timing auch mal eine Falschmeldung in der Presse lancieren.

          Mit der Befreiung der Information von der physischen Bindung an das Papier durch ihre Digitalisierung haben die traditionellen Kontrollmechanismen ein Ende gefunden. Zwar erlassen Gerichte weiterhin wie bei gedruckten Werken einstweilige Verfügungen, um Dokumente oder Kommentare aus dem Netz entfernen zu lassen. Allerdings ist der Effekt zuweilen das genaue Gegenteil des Erwünschten. Eine Eigendynamik aus Neugier und Empörung ist dann nicht mehr aufzuhalten. Wofür sich sonst womöglich niemand interessiert hätte, wird nun zur Neuigkeit. Ein unüberlegtes Anwaltsschreiben, eine rasch durchgedrückte einstweilige Verfügung, und es ist passiert. Die Information, die unterdrückt werden sollte, verbreitet sich in Windeseile massenhaft und erhält die Aufmerksamkeit, die gerade unterbunden werden sollte.

          Sauerlands Lektion

          Betrifft es Unternehmen, geht damit häufig ein PR-Desaster erster Güte einher. Ein zuweilen nur begrenztes Wissen der Rechtsabteilung der betroffenen Firma über die in den Blogs und bei Twitter – jenseits der etablierten Nachrichtenportale – ablaufenden Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie verstärkt den Image-GAU unter Umständen noch. Der Ölkonzern BP musste diese Lektion unlängst lernen, als das Unternehmen versuchte, gegen einen Satire-Twitter mit dem Namen „BPGlobalPR“ vorzugehen. Mit fast zweihunderttausend Lesern konnte der scharfzüngige Kritiker eine Reichweite erreichen, von der der offizielle BP-Twitter mit weniger als zwanzigtausend Interessierten nur träumen kann. Faktisch hat die PR-Abteilung die Kontrolle über das Image der Firma im Netz an einen anonymen Satiriker verloren.

          Auch hierzulande erwischte der Sturm der Internet-Entrüstung schon den einen oder anderen kalt. Jüngster unfreiwilliger Lehrling in Sachen unerwünschte Aufmerksamkeit war der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Er wollte per einstweiliger Verfügung, vorgeblich zum Schutze des Urheberrechts der Stadt, interne Dokumente über den Hergang der Loveparade-Tragödie aus einem Blog entfernen lassen. In Windeseile verbreiteten sich die zensierten Dokumente über Filesharing-Börsen, Download-Server im Ausland und per E-Mail.

          Kapitulation vor der Zahl der Multiplikatoren

          Das Phänomen hat einen Namen: Streisand-Effekt. Benannt wurde er nach der amerikanischen Schauspielerin Barbra Streisand, die versuchte, aus einem riesigen Fotoarchiv, das die Erosion der kalifornischen Küste dokumentiert, das Luftbild ihres Strandhauses tilgen zu lassen. Ihr Anwalt ging gegen den Fotografen vor, als dieser sich weigerte, das Foto zu entfernen. Die Parallele zur aktuellen deutschen Street-View-Debatte liegt auf der Hand. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde in einer Großstadt nur ein einziges Haus verpixelt und unkenntlich gemacht werden. Natürlich würde jeder wissen wollen, wem es gehört und wie es eigentlich aussieht. Im Falle von Streisands Anwesen taten das Tausende, die Aktion wurde zum Bumerang.

          Es ist natürlich kein ganz neues Phänomen, aber die Anzahl der Multiplikatoren und damit die Geschwindigkeit hat sich drastisch erhöht. Es wirkt wie ein natürlicher Abwehrreflex des Informations-Immunsystems. Wenn etwas wichtig genug ist, um zensiert oder verboten zu werden, muss es offenbar von Interesse und der allgemeinen Beachtung wert sein. Die Logik ist einfach: Eine einstweilige Verfügung oder auch eine Handvoll davon bekommt man noch zugestellt. Ein paar tausend Unterlassungsbegehren – noch dazu verteilt über die ganze Welt – durchzusetzen, das schafft niemand. Und wenn die Aufmerksamkeitswelle zu schnell abebbt, das Thema zu komplex für eine kurze Blog-Solidaritätswelle ist, gibt es noch die auf geheime oder zensierte Dokumente spezialisierte Plattform Wikileaks.

          Von der Empörungswelle fortgeschwemmt

          Doch der Streisand-Effekt hat eine weitere Komponente, die sich auch an den 47 Loveparade-Dokumenten aus Duisburg ablesen lässt: Unter vielen Bloggern, Kommentatoren und Twitterern, von denen sich die meisten ohne großes inhaltliches Interesse primär über den Zensur- Versuch aufregen, sind stets einige, die sich jenseits der Empörungswelle die Zeit nehmen, die digitalen Papiere zu sichten, zu analysieren und darüber zu schreiben. Wenn dann die traditionellen Medien das Thema aufgreifen, ist der Zug abgefahren und der Versuch, eine Information zu unterdrücken, glorreich gescheitert.

          Potentiell interessante Informationen aus dem Internet zu entfernen, wird genau dann unmöglich, wenn sie Aufmerksamkeit erregen. Die Wogen noch glätten zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Auch wenn das Netz zum großen Teil aus Katzenbildchen und sonstigen Belanglosigkeiten zu bestehen scheint: Sobald das allgemeine Interesse eine gewisse Schwelle überschreitet, was heute innerhalb von Minuten passieren kann, funktionieren die Informationskontrollreflexe aus dem vorigen Jahrtausend nicht mehr. Nicht nur die Verantwortlichen für die Duisburg-Katastrophe werden sich diesen neuen Realitäten stellen müssen.

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