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Aus dem Maschinenraum (14) : Wenn die Zensur reichlich alt aussieht

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Auch hierzulande erwischte der Sturm der Internet-Entrüstung schon den einen oder anderen kalt. Jüngster unfreiwilliger Lehrling in Sachen unerwünschte Aufmerksamkeit war der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Er wollte per einstweiliger Verfügung, vorgeblich zum Schutze des Urheberrechts der Stadt, interne Dokumente über den Hergang der Loveparade-Tragödie aus einem Blog entfernen lassen. In Windeseile verbreiteten sich die zensierten Dokumente über Filesharing-Börsen, Download-Server im Ausland und per E-Mail.

Kapitulation vor der Zahl der Multiplikatoren

Das Phänomen hat einen Namen: Streisand-Effekt. Benannt wurde er nach der amerikanischen Schauspielerin Barbra Streisand, die versuchte, aus einem riesigen Fotoarchiv, das die Erosion der kalifornischen Küste dokumentiert, das Luftbild ihres Strandhauses tilgen zu lassen. Ihr Anwalt ging gegen den Fotografen vor, als dieser sich weigerte, das Foto zu entfernen. Die Parallele zur aktuellen deutschen Street-View-Debatte liegt auf der Hand. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde in einer Großstadt nur ein einziges Haus verpixelt und unkenntlich gemacht werden. Natürlich würde jeder wissen wollen, wem es gehört und wie es eigentlich aussieht. Im Falle von Streisands Anwesen taten das Tausende, die Aktion wurde zum Bumerang.

Es ist natürlich kein ganz neues Phänomen, aber die Anzahl der Multiplikatoren und damit die Geschwindigkeit hat sich drastisch erhöht. Es wirkt wie ein natürlicher Abwehrreflex des Informations-Immunsystems. Wenn etwas wichtig genug ist, um zensiert oder verboten zu werden, muss es offenbar von Interesse und der allgemeinen Beachtung wert sein. Die Logik ist einfach: Eine einstweilige Verfügung oder auch eine Handvoll davon bekommt man noch zugestellt. Ein paar tausend Unterlassungsbegehren – noch dazu verteilt über die ganze Welt – durchzusetzen, das schafft niemand. Und wenn die Aufmerksamkeitswelle zu schnell abebbt, das Thema zu komplex für eine kurze Blog-Solidaritätswelle ist, gibt es noch die auf geheime oder zensierte Dokumente spezialisierte Plattform Wikileaks.

Von der Empörungswelle fortgeschwemmt

Doch der Streisand-Effekt hat eine weitere Komponente, die sich auch an den 47 Loveparade-Dokumenten aus Duisburg ablesen lässt: Unter vielen Bloggern, Kommentatoren und Twitterern, von denen sich die meisten ohne großes inhaltliches Interesse primär über den Zensur- Versuch aufregen, sind stets einige, die sich jenseits der Empörungswelle die Zeit nehmen, die digitalen Papiere zu sichten, zu analysieren und darüber zu schreiben. Wenn dann die traditionellen Medien das Thema aufgreifen, ist der Zug abgefahren und der Versuch, eine Information zu unterdrücken, glorreich gescheitert.

Potentiell interessante Informationen aus dem Internet zu entfernen, wird genau dann unmöglich, wenn sie Aufmerksamkeit erregen. Die Wogen noch glätten zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Auch wenn das Netz zum großen Teil aus Katzenbildchen und sonstigen Belanglosigkeiten zu bestehen scheint: Sobald das allgemeine Interesse eine gewisse Schwelle überschreitet, was heute innerhalb von Minuten passieren kann, funktionieren die Informationskontrollreflexe aus dem vorigen Jahrtausend nicht mehr. Nicht nur die Verantwortlichen für die Duisburg-Katastrophe werden sich diesen neuen Realitäten stellen müssen.

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