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Aus dem Maschinenraum (13) : Sicherheit im Netz? Nur durch Vernetzung!

  • -Aktualisiert am

Der Wunsch nach einem Notschalter für das Netz bricht sich am Vernetzungsgrad von digitaler und „realer” Welt Bild: ASSOCIATED PRESS

Das Internet einfach abschalten, wenn Gefahr von dort droht - mit dieser Vorstellung macht der Bund Deutscher Kriminalbeamten von sich reden. Auch in den Vereinigten Staaaten wurden schon entsprechende Gesetzesentwürfe vorgelegt.

          Es ist früher Morgen, Angela Merkel steht im abhörsicheren Kontrollraum in den bombengeschützten Katakomben unter dem Kanzleramt. Mit müden Augen blickt sie fragend in die Runde. Alle nicken betreten. „Es bleibt keine Zeit mehr, Frau Dr. Merkel“, sagt ein grauhaariger Mann im dunklen Zweireiher. Der Abwehrkoordinator tritt vor und öffnet die mit einem Codeschloss gesicherte Abdeckung über einem in der Mitte des Raumes stehenden Schaltpult. „Wir müssen uns schützen“, sagte die Regierungschefin. Dann drückt sie entschlossen den großen roten Knopf.

          Nein, es geht nicht um das Auslösen eines nuklearen Angriffes. Nach den Phantasien des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) besteht jedoch eine andersgeartete Gefahr, und sie könnte „sich ähnlich verheerend auswirken wie atomare Angriffe“. So sagt es der BDK-Bundesvorsitzende Klaus Jansen, und er meint digitale Kriminalität. Daher soll es zukünftig einen „Notausschalter fürs Internet“ geben.

          Der krude Vorschlag einer Internet-Radikallösung kam nicht überraschend. Der BDK hat sich in den letzten Jahren mehrfach durch informationstechnischen Nonsens hervorgetan. Da war etwa die Idee eines „110-Notruf-Knopfes“ in der Symbolleiste eines jeden deutschen Computers, um die Netz-Polizei in Echtzeit rund um die Uhr erreichen zu können. Jansen ist aber diesmal nicht allein mit der Idee der Netz-Notbremse: Im Juni wurde in den Vereinigten Staaten – nicht zum ersten Mal – ein Gesetzesentwurf vorgelegt, der den sogenannten Internet Kill Switch vorschlug. Im „Ernstfall“ sollte der Präsident damit Teile der Netzinfrastruktur oder das komplette Landesnetz deaktivieren. Inspiriert von chinesischen Strategien und dem (misslungenen) Versuch der iranischen Regierung, das Land nach der letzten Wahl vom Netz zu nehmen, wurde der Entwurf tatsächlich diskutiert.

          Realitätsferne Vorstellungen

          Die Vorstellungen von einem „Aus-Schalter“ für das Internet folgen einer naiv-kindlichen Vorstellung vom Wesen der Netzdinge. Wenn etwas außer Kontrolle gerät, dann schaltet man es einfach ab. Das Verständnis dafür, dass die Welt mittlerweile von komplexen vernetzten Systemen getrieben wird, die sich nicht ohne unkalkulierbare Folgeschäden abschalten lassen, ist offenbar noch nicht weit vorgedrungen. Niemand würde auf die Idee kommen, das Stromnetz auch nur einer Stadt abzuschalten, um einen illegalen Rundfunksender zum Schweigen zu bringen.

          Was würde passieren, wenn Deutschland per „Not-Aus“ vom Internet getrennt würde? Als Erstes brächen praktisch alle internationalen deutschen Wirtschaftsverbindungen zusammen. Der Exportweltmeister könnte nicht mehr exportieren. Falls das Telefonnetz dann noch funktionierte – denn auch dieses wird zum großen Teil mit Internet-Technologien betrieben –, dürften Frau Merkel einige sehr ungemütliche Telefonate mit den Führungsetagen nicht nur der Dax-Konzerne bevorstehen. Große Teile der Massenmedien im Netz versiegten. Selbst das, was heute aus dem Fernsehkabel kommt, wird über Internet-Technologien transportiert, bevor es im heimatlichen Fernseher landet. Nicht einmal Zollformulare kann man mehr ohne Internet ausfüllen, Geldautomaten sind ebenfalls vernetzt, ganz zu schweigen von Online-Banking. Und Freunde in Übersee werden erst später, vielleicht übers Radio, davon erfahren, denn die übliche kurze E-Mail geht auch nicht mehr. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass der Schaden durch eine weitgehende Terminierung der landesweiten Kommunikation einen wie auch immer gearteten Nutzen klar übersteigt.

          Prävention gegen den Cyberwar

          BDK-Mann Jansen setzt noch einen drauf und fordert die „Reset- Funktion“ für das Netz. Der Reset-Knopf bedeutet dem Wortsinne nach, etwas in einen vorherigen Stand zurückzuversetzen. Wahrscheinlich stellt er sich das so vor wie eine Zeitmaschine. Ein Knopfdruck – schon sieht die Welt wieder aus wie 1998. Alles Wesentliche kommt aus dem Faxgerät, beruhigend rattert noch ein Telex im Keller, für den Fall der Fälle. Welcher Angriff, welche Bedrohung sollte dem eigentlich vorausgehen?

          Die Unterstützer der Abschalt-Idee haben da klare Vorstellungen: Internetkriminalität und der unvermeidliche „Cyberwar“. Eine Trennung ganz Deutschlands vom weltweiten Netz im hypothetischen Fall eines massiven Angriffs auf die Netzwerkstrukturen würde indes gar nicht helfen. Ein auch nur halbwegs intelligenter Angreifer erschliche sich selbstverständlich zuerst virtuelle Stützpunkte im Inneren des Landes und schlüge dann von dort aus zu. In den Szenarien der Cyberkriegsplaner wird es immer dann richtig ungemütlich, wenn die geographische Herkunft der Router, Switches und Softwarepakete, aus denen das Internet besteht, berücksichtigt wird. Wenn nämlich die Herstellerländer dieser Basiskomponenten über Hintertüren verfügen, ist eine Verteidigung durch Hochziehen der virtuellen Zugbrücke vollkommen nutzlos.

          Strategien der kollektiven Sicherheit

          Auf der anderen Seite des Atlantiks ist die Diskussion um das Abklemmen des Netzes schon etwas weiter. Der ehemalige Chef des amerikanischen Abhörgeheimdienstes NSA, der für die elektronische Verteidigung zuständig ist, führte kürzlich auf der Hacker-Konferenz Defcon das Konzept der „Co-Dependency“ ein: Da ein intelligenter Angriff im virtuellen Raum praktisch nicht zu seinem Urheber zurückzuverfolgen ist, kann es auch keine Abschreckung geben. Sicherheit kann nur durch intensive gegenseitige Verflechtung gewährleistet werden, durch Fördern und Ausbauen von Vernetzungen und wechselseitigen Abhängigkeiten. Erst wenn es sich kein Land, das über potentielle Cyberangriffswaffen verfügt, mehr leisten kann, einen Angriff zu starten, weil es selbst zu sehr in Mitleidenschaft gezogen würde, kann es kollektive Sicherheit geben.

          Begleitet werden sollte eine solche sinnvolle Strategie von internationalen Abkommen zur Ächtung von digitalen Angriffen auf wichtige zivile Infrastrukturen sowie einem Moratorium der virtuellen Aufrüstung. Die nach dem Kalten Krieg entwickelten Strategien der kollektiven Sicherheit sollten auch die Grundlage für Frieden im Netz sein. Das zombiehafte Wiederauferstehen der Abschreckungs- und Einbunkerungsmentalität aus den siebziger Jahren wirkt so anachronistisch wie die Vorstellung einer Internet-Doomsday-Maschine, die von der Kanzlerin per „Rotem Knopf“ aktiviert werden kann.

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