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Alexander Kluge : Gärten anlegen im Daten-Tsunami

  • Aktualisiert am

Alexander Kluge Bild: ddp

Das Internet überwältigt uns durch seine Masse an Information und ruft zugleich eine Gegenreaktion hervor: Wir verwerfen alles Überflüssige. Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge entdeckt dahinter eine neue Intelligenz und eine Herausforderung an die Kunst. Ein Interview.

          Das Internet überwältigt uns durch seine Masse an Information, ruft im gleichen Moment aber eine Gegenreaktion hervor: Wir verwerfen alles Überflüssige. Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge entdeckt dahinter eine neue Intelligenz und eine Herausforderung an die Kunst.

          Wie nutzen Sie das Internet?

          Wenn ich ein neues Projekt starte, ist die erste Phase eigentlich „Scouting“, das mache ich zusammen mit meinen Mitarbeitern. Wir sichten erst einmal den Rohstoff, wir versammeln das Material. Dabei nutzen wir das Internet.

          Das Material ist jetzt natürlich viel reicher als früher.

          Ja, und der Mechanismus, nach dem ich das Material sortiere, ist auch komplexer geworden. Seitdem es das Internet gibt, kann ich mich viel schneller orientieren als früher. Ich kann besser weglassen, was mich nichts angeht. Ich lösche genauso stark wie ich sammle. Das war beim Zettelkasten anders. Beim Zettelkasten haben Sie Energie darauf verwendet, etwas aufzuheben, sie haben sich etwas dabei gedacht, es wird Ihnen also viel schwerer, etwas zu verwerfen. Ich glaube Menschen zeigen angesichts des Internets zwei Reaktionen. Zum einen sind sie überrascht über diesen Tsunami an Informationen, der aus dem Netz auf Sie zurauscht. Sie sind überwältigt. Und eigentlich in der gleichen Sekunde bilden sie eine Gegenreaktion. Um das in ein Gleichnis zu fassen, das mir Dirk Baecker beigebracht hat: Als Gutenberg die Druckkunst erfand, wurde Mitteleuropa überschwemmt mit Pamphleten. Sie waren meist religiösen Inhalts oder es ging um die Aufhetzung zum Bürgerkrieg. Das waren hochideologische, irrtumbehaftete Massen von Buchstaben. Und diese Entwicklung hat zugleich eine Gegenbewegung, die Kritik hervorgebracht, die reicht bis zu Immanuel Kant, der nichts anderes macht, als das, was man wissen kann, von dem zu unterscheiden, was man nicht wissen kann .

          Zeigen junge Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, nicht eine andere Reaktion?

          Nach meiner Beobachtung nicht. Ich habe zwei Kinder und habe auch andere junge Leute am Computer beobachtet, zwischen mir und meinen Mitarbeitern zum Beispiel ist ein extremer Altersunterschied, und meine Erfahrung ist: Die können sich sogar noch besser als ich gegen die Datenflut wehren. Mitten in dieser Antinatur des Netzes haben sie einen Mechanismus entwickelt, der ganz klar auf Abwehr gerichtet ist. Die lesen 20 Zeilen und verwerfen 800 und das in sehr hoher Geschwindigkeit. Diese Verwerfgeschwindigkeit ist höher als die Chance, dass sie beeinflusst werden von der Masse des Materials. Diese Fähigkeit hätte ich als Schüler zum Beispiel nicht gehabt.

          Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?

          Das Internet hat mein Denken in ganz bestimmter Hinsicht verstärkt, insofern als ich vorher auch schon mit Vernetzung zu tun hatte: Ein Netz bilden auch meine literarischen Arbeiten und die Filme. Von Veränderung würde ich in meinem Fall nicht sprechen. Bei den jungen Menschen aber ist eine neue Form der Intelligenz im Entstehen begriffen, so wie hier auch ein neues Medium entsteht, das nicht identisch ist mit dem Internet, sondern auch das Fernsehen, die klassische Öffentlichkeit und das Buch umfasst und miteinander verbindet. Es gibt eine neue Sehnsucht nach Nachhaltigkeit und nach einem „Hortus conclusus“, einem abgeschlossenen Garten. Das hat nichts mit der Lust am Surfen zu tun - auf einem Ozean können Sie als Surfer kaum überleben. Stattdessen ist ein neues Interesse an Gefäßen und Begrenzungen entstanden. Und hier hat die Kunst ihre neue Bestimmung. Sie wird alles, was früher Oper, Ölgemälde, literarischer Text für sich geleistet haben, verbinden, und das Material in einer konstellativen Dramaturgie ordnen, die nicht-sichtbaren Kräften gehorcht. Diese Dramaturgie können Sie im Keim schon bei Ovid sehen. Der erzählt 1200 Geschichten, die alle denselben Inhalt haben: Eine Kreatur, die leidet, ändert ihre Gestalt. Ein einziger Gedanke geht durch alle Stränge - und das ganze Weltall wird beschrieben. Bei Balzac ist das ähnlich, der spricht ausdrücklich von Konstellationen, nicht innerhalb des einzelnen Romans bloß, sondern durch viele Romane, die einander umkreisen und beeinflussen. Dieses Konzept ist dann über Döblin und Dos Passos bis in die Moderne gelangt.
          Diese neue Dramaturgie wird jetzt bestärkt dadurch, dass aus der Zukunft, nämlich von Youtube her, Forderungen, die wir bei Ovid und Balzac längst hatten, neu auf uns zukommen. In der Filmgeschichte gibt es ein plastisches Beispiel. Da gab es anfangs nur Einminutenfilme, die sich addierten. Und das gleiche haben Sie heute wieder bei Youtube, Sie haben wieder Filme, die ein bis drei Minuten lang sind. Die neue Herausforderung an die Kunst ist nun, und sie kann von Youtube nicht eingelöst werden, denn Youtube ist Dschungel und sozusagen freier Ozean, dass die Kunst Leuchtfeuer, Häfen und Flöße schaffen muss. Zu unseren neuen künstlerischen Aufgaben gehört es, die Gefäße neu zu definieren. Und die werden sich radikal verändern: Nicht mein Denken, sondern die Formwelt, in der ich es äußere, ändert sich.

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