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Ägypten offline : Der Blackout am digitalen Suezkanal

  • -Aktualisiert am

Aus Tunesien kopierte ironische Antwort auf den Abschaltversuch: „Game over, Mubarak!” Bild: REUTERS

Das hat es in der Geschichte noch nicht gegeben: In der Nacht zum Freitag ging ein Land offline. Wie hat die Internetblockade in Ägypten technisch funktioniert? Und ist zu fürchten, dass die Rechnung des Regimes politisch aufgeht?

          Ägypten ist der Schnittpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Der Suezkanal ermöglicht Schiffen in der physischen Welt, den weiten Weg um Afrika herum abzukürzen. Auch in der Welt der Bits und Bytes geht es um kurze Wege. Die Daten bewegen sich zwischen den Kontinenten durch Glasfaserkabel, die auf dem Meeresgrund verlegt werden. Kabel über Land zu verlegen ist weitaus teurer und riskanter.

          Auf dem Weg über Land müssen Schächte gebuddelt und Strecken gewählt werden, die den versehentlichen Baggerbiss ins Kabel unwahrscheinlich machen. Und man muss auf die politische Situation in den Ländern Rücksicht nehmen, durch die die Kabelstrecke führt. Die Telekommunikationsunternehmen sind genau wie die Reeder bemüht, die kürzestmögliche Strecke zu nehmen – und die geht über die schmale Landbrücke zwischen Rotem Meer und Mittelmeer. So ist auch auf den Landkarten der digitalen Welt Ägyptens Suezkanal das Scharnier zwischen den Kontinenten. Die Lebensadern der Netze, die vier Kontinente verbinden, laufen in den großen Telehäusern von Suez und Alexandria zusammen.

          Dieser digitale Suezkanal, die Möglichkeit des billigen Anschlusses an die transkontinentalen Daten- und Sprachströme quasi auf der Türschwelle, war für die wirtschaftliche Entwicklung Ägyptens in den letzten Jahren ein ähnlicher Segen wie die Warenflüsse zwischen Rotem Meer und Mittelmeer und der Tourismus. Die Preise für Telefon und Internet sind im Land am Nil seit Jahren niedrig, etliche Telekom-Unternehmen tummeln sich auf dem Markt. Die achtzig Millionen Ägypter besitzen mehr als fünfundfünfzig Millionen Mobiltelefone. Extrem häufig genutzt, oft mit Schmuckanhängern versehen und in farbenfrohe Hüllen gekleidet, sind die Telefone ein Alltagsgegenstand – selbst in ärmeren Schichten und auch für die vielen Analphabeten. Eine Stunde im Internetcafé kostet etwa so viel wie ein Falafel beim Straßenhändler. Facebook und Twitter gehören für Jugendliche genauso zum Alltag wie für ihre Altersgenossen im Westen. Auch Online-Spiele erreichen eine große Verbreitung.

          Der ägyptische Satelitt Nilesat zeigt am Sonntag eine Fehlermeldung beim Aufruf von Al Dschazira

          Die digitale Solidarität verbreitete sich wie eine Welle

          Am Dienstagabend war es damit erst einmal vorbei. Die Regierung Mubarak hatte es mit der Angst zu tun bekommen. Vor allem die sozialen Netzwerke und Webforen wurden zum Kristallisationspunkt des über Jahrzehnte aufgestauten Unwillens der Bevölkerung über Korruption und Stagnation. Die Regierung versuchte zunächst, durch Blockieren der IP-Adressen der Server für die wichtigsten sozialen Netzwerke, Oppositionszeitungen und großen Webforen der Unruhe Herr zu werden. Das Sperren dieser Adressen, die benutzt werden, um den Netzverkehr auf den unteren Ebenen des Internets zu lenken, ist eine drastische Maßnahme – die aber nur bedingt erfolgreich sein kann. Die Nutzer verwendeten Weiterleitungsdienste – sogenannte Proxies und VPNs – im Ausland. Sie entdeckten, dass die Zensoren nicht alle IP-Adressen ihrer Lieblingsdienstleister erwischt hatten – große Anbieter haben Hunderte IP-Adressen, die sie auch schnell wechseln und ergänzen können. Und die Nutzer fanden massenweise heraus, dass der genau für solche Situationen konstruierte freie Anonymisierungsdienst Tor weiterhin relativ einfach und sicher den Zugang zu ihren Lieblingsseiten ermöglichte.

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