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Ägypten offline : Der Blackout am digitalen Suezkanal

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Propagandistische Hilfe für die Regierung gibt es aus dem befreundeten Ausland. Der andere große arabische Nachrichtensender Al Arabija, finanziert vom saudischen Herrscherhaus, berichtete nur so lange umfangreich aus Ägypten, bis die saudische Regierung ihre Solidarität mit Mubarak erklärt hatte. Danach fokussierte sich die Berichterstattung kaum noch auf aktuelle, kritische Protestereignisse. Stattdessen wird nun vorwiegend über Plünderungen und Chaos berichtet und der politische Hintergrund der Proteste ausgeblendet.

Auch anderswo im Ausland bemühte man sich um „Stabilisierung“ - kein Ruhmesblatt westlicher Politik. Peinlich und mühsam wirkte das Winden und Lavieren der amerikanischen Außenpolitik, das Ausblenden Ägyptens bei der Rede Obamas an die Nation. Klaffend sichtbar wurde die kognitive Dissonanz zwischen postuliertem Informationsfreiheitsanspruch und dreckiger Realpolitik zur Unterstützung eines geostrategisch opportunen Regimes. Als dann noch die Bilder von massenweise verschossenen „Made in USA“-Tränengasgranaten auftauchten, war der moralische Anspruch vollends verspielt.

Die schiere Masse der Unzufriedenen

Die Versuche zur Informationsblockade machen die Menschen in Ägypten erst recht wütend. Die Proteste am Freitag wurden dann auch mit Hilfe einer anderen Technologie-Revolution koordiniert, die sich nicht zentral unterbinden lässt: billige Drucker und Kopierer, auf denen professionell gemachte Anleitungen für Demonstrationstaktik und Slogans vervielfältigt wurden. Die Flyer wurden dann bei den Freitagsgebeten verteilt.

Die Netzabschaltung hatte offenbar noch einen anderen Effekt: Plötzlich gab es keinen Grund mehr, vor dem Bildschirm zu sitzen und dort zu lesen, wie sich die Proteste entwickeln. Um mitzubekommen, was los ist, muss man auf die Straße gehen. Und wenn man schon dort ist, kann man auch gleich mitdemonstrieren. Die schnell kursierende Bemerkung, dass es sicher half, dass die vielen Jugendlichen, die in Online-Spielen die Taktiken zu Schwarmangriffen auf überlegene Gegner trainiert haben, nun auf der Straße mitmachen, war nur halb scherzhaft gemeint.

Der freie Fluss von Informationen und Daten ist für autokratische Regierungen schon immer problematisch gewesen. Je geschlossener das Gesellschaftssystem, desto wichtiger die Informationskontrolle für die Stabilität der Machtstrukturen. Regime in aller Welt haben nach einer kurzen Übergangsphase einen Umgang mit dem Internet gefunden, der sich darauf konzentrierte, ausgewählte Websites zu blockieren und ansonsten die Informationsflüsse zu überwachen. Dadurch konnte man Oppositionelle, Kritiker und ihre Strukturen identifizieren - um sie dann bei entsprechender Gelegenheit mit den altbewährten Polizeistaatstaktiken mundtot zu machen. Dass die ägyptische Regierung sich gezwungen sah, von diesem Prinzip abzuweichen, kann nur eins bedeuten: Die schiere Masse der Unzufriedenen hat die Kapazität der Überwachungssysteme überfordert. Es blieb nur noch der digitale Blackout als Option. Und mit dem Abschalten des Netzes wurden die Proteste durch die Regierung zur Revolution geadelt.

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