https://www.faz.net/-gsf-xs56

Ägypten offline : Der Blackout am digitalen Suezkanal

  • -Aktualisiert am

Am Freitag wurde der Live-Kanal von Nilesat abgeschaltet. Al Dschazira reagierte mit professioneller Souveränität und wechselte in Windeseile auf den vom europäischen Eutelsat-Konsortium betriebenen Atlantic-Bird-4A-Satelliten. Der sendet ebenfalls mit einem kräftigen Signal und befindet sich praktischerweise auf der gleichen Orbit-Position wie die Nilesat-Satelliten – sieben Grad West. Für die Zuschauer war dadurch keine Neuausrichtung ihrer Schüsseln erforderlich, sie mussten lediglich den Sendersuchlauf auf ihrem Empfänger aktivieren. Daraufhin verkündete die Regierung am Sonntag die Schließung des Al Dschazira-Büros in Kairo, entzog dem Sender die Lizenz und seinen Reportern die Presseakkreditierungen. Sicherheitskräfte entfernten die Kamera vom Balkon des Senderbüros, deren Bilder von den Straßenschlachten auf der wichtigsten Brücke von Kairo zu Ikonen der Berichterstattung geworden waren.

Der Schaden für die Wirtschaft dürfte enorm sein

Zusätzlich wird offenbar versucht, den Kanal, auf dem das Al Dschazira-Programm vom Boden zum Satelliten übertragen wird, mit Hilfe von Störsendern zu beeinträchtigen. Zwischenzeitlich waren die Programme des Senders in Ägypten nur unter Schwierigkeiten oder gar nicht zu empfangen. Die Verbindung nach Kairo für die Übertragung von Livebildern zur Al Dschazira-Zentrale ist gekappt. Der Kampf um die Informationshoheit geht also in die nächste Runde. Al Dschazira hat erklärt, man lasse sich nicht beeindrucken und werde weiter intensiv berichten. Die Korrespondenten arbeiten nun aus dem Auto und nutzen Satellitentelefone für die Übermittlung von Berichten und Videobildern. Al Dschazira hat in den Kriegsberichterstattungsmodus umgeschaltet.

Die Internet-Blockade stellte sich bei näherer Betrachtung als löchrig und stellenweise umgehbar heraus. Ein einziger Anbieter hatte nicht abgeschaltet: Noor, ein vorwiegend auf Geschäftskunden spezialisierter Netzprovider, blieb weiter online. An Noor hängen die ägyptische Börse und die Logistiksysteme vieler Unternehmen, insbesondere auch westlicher Konzerne. Ob die Regierung zu viel digitalen Flurschaden in der Wirtschaft fürchtete oder ob Noor über so viel politisches Kapital verfügt, dass es einer Abschaltorder trotzen konnte, ist eine der spannendsten Fragen des ägyptischen Internet-Blackouts. Der Schaden für die Wirtschaft dürfte ohnehin enorm sein.

Nicht angetastet wurde jedoch der digitale Suezkanal, die Glasfaserverbindungen, die durch Ägypten laufen und die Informationen zwischen den Kontinenten transportieren. Abgeschaltet wurden nur die meisten Abzweigungen ins Inland.

Kein Ruhmesblatt westlicher Politik

Der Fluss der Informationen aus und nach Ägypten versiegte bisher nicht. Der Effekt gleicht vielmehr dem eines Damms mit Rissen: Das Wasser strömt mit umso größerem Druck durch die verbliebenen Ritzen und Spalten, und die Informationen, die durchkommen, haben eine umso größere Bedeutung. Die Versuche der ägyptischen Regierung, diese Informationsmangellage für sich zu nutzen, zeugen von einer gewissen Ratlosigkeit. Es gibt keine wirkungsvolle Propaganda, nur vereinzelte Versuche, die aber durchsichtig und hilflos daherkommen. Der bisher wichtigste Versuch, die Proteste zu diskreditieren, waren die Meldungen über Zerstörungen von Mumien im Ägyptischen Museum in Kairo. Die antiken Schätze sind das Nationalheiligtum der Ägypter. Im Internet abgetippten telefonischen Berichten aus Kairo zufolge waren es jedoch nicht zufällige Plünderer, die dort versuchten, Schaden anzurichten, sondern Regierungsschläger mit klarem Auftrag. Nachdem jedoch zuvor ausführlich über die Menschenketten um das Museum berichtet worden war und Sondereinheiten der Armee dort Position bezogen, wurde schnell klar, dass es sich offenbar um einen gezielten Versuch zur Diskreditierung der Proteste handelte.

Weitere Themen

Kein Ende der Krise in Sicht

Katalonien-Konflikt : Kein Ende der Krise in Sicht

Die teils gewaltsamen Proteste in Barcelona und Katalonien halten an. Seit Freitag wurden nach Behördenangaben mehr als 180 Menschen verletzt, es gab 80 Festnahmen. Die Sicherheitskräfte sind überfordert.

Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

Topmeldungen

Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.