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Ägypten offline : Der Blackout am digitalen Suezkanal

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Invasivere Netzblockade-Methoden wurden angeordnet. Zuerst bekamen Nutzer des staatlichen Anbieters Telecom Egypt keine Daten mehr über ihre Internet-Anschlüsse. Mobiltelefonnetze wurden in den kritischen Vierteln der Städte abgeschaltet. Die Ägypter reagierten, indem Cafés, Firmen und Geschäfte, die noch über funktionierende Internet-Anschlüsse von anderen Anbietern verfügten, ihre WLAN-Drahtlosnetze für jeden frei zugänglich machten. Die digitale Solidarität verbreitete sich wie eine unsichtbare Welle auf den Straßen und Plätzen.

Um kurz nach Mitternacht von Donnerstag auf Freitag schließlich geschah etwas, das in der Welt des Internets so noch nie beobachtet wurde. Ägypten ging offline. Im Abstand von wenigen Minuten konfigurierten die ägyptischen Internetanbieter ihre Router, über die aller Datenverkehr im Land fließt, so, dass sie keine Informationspakete mehr weiterleiten. Die Order scheint um Mitternacht ergangen zu sein, der Abstand zwischen den einzelnen Abschaltungen weist auf eine sequentielle Übermittlung der Anweisungen per Telefon oder Fax hin. Ohne Androhung von erheblichem Unbill schaltet kein Internetanbieter freiwillig sein Netz ab. Auch die Mobilfunkanbieter standen offenbar unter unmittelbarem Zwang.

Al Dschazira reagierte mit professioneller Souveränität

Von Mitarbeitern ägyptischer Mobilfunk-Betreiber sickerte bereits Stunden vor der tatsächlichen Order die Nachricht durch, dass eine Telefon-Blockade geplant sei. Vodafone Ägypten erklärte nach erfolgter Sperrung auf seiner Website auch auf Englisch, dass die lokale Lahmlegung des Mobilfunk-Dienstes auf Befehl der Regierung erfolge und das Unternehmen den Anordnungen folgen müsse. Das Ausmaß der Macht des Staates über die Netzanbieter wurde vollends in der Meldung klar, in der Vodafone am 30. Januar das Wiederanschalten seines Netzes vermeldete: „Wir möchten klarstellen, dass die Behörden in Ägypten die technische Möglichkeit zur Schließung unseres Netzes haben. Wenn sie diese Möglichkeit genutzt hätten, hätte es sehr viel länger gedauert, den Service für unsere Kunden wiederherzustellen. Es gab keine rechtlichen oder praktischen Optionen für Vodafone oder einen der anderen Mobilnetzbetreiber in Ägypten, den Anordnungen der Behörden nicht Folge zu leisten. Zudem ist wesentlich für uns, die Sicherheit unserer Angestellten zu gewährleisten, alle unsere Aktivitäten in Ägypten werden im Lichte ihres Wohlergehens betrachtet werden.“

Der dritte Baustein der Informationsblockade war der Versuch des Abschaltens des arabischen Nachrichtensenders Al Dschazira, der im Laufe der tunesischen und ägyptischen Krisen zu dramatischer Höchstform auflief. Die Bilder von angeschossenen und blutenden Menschen auf den Straßen, Hagelschauern von Tränengasgranaten und absichtlich in die Menge rasenden Polizeifahrzeugen liefen in einem endlosen Stakkato, nur unterbrochen von Interviews, deren politischer Nachrichtengehalt trotz aller neutralen Professionalität an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Das Programm der arabischen Al Dschazira-Kanäle war oft noch deutlich drastischer in Schnitt und Bildauswahl als das eher westlichen Sehgewohnheiten angepasste englische Programm. In Ägypten wurde der arabische Live-Kanal vor allem über ein Kanalbündel auf dem Nilesat-Satelliten verbreitet, der von der Regierung kontrolliert wird. Das Nilesat-System ist darauf ausgelegt, mit möglichst einfacher Technik und recht kleinen Satelittenschüsseln in Ägypten empfangbar zu sein.

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