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Digitaldiskriminierung im Café : Eingescannt

  • -Aktualisiert am

Da geht’s schon los: Registrierung via QR-Code vor einem Restaurant in Sachsen Bild: dpa

Unser Leben nach der Pandemie ist digitaler als es zuvor war. Aber müssen QR-Codes Speisekarten ersetzen? In einem System, das Menschen ohne Smartphone ausschließt, wird Gastfreundlichkeit ein Fehlercode.

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          „Können wir die Getränkekarte haben, bitte?“ Strahlendes Wetter auf einer Sonnenterrasse, der erste Post-Lockdown-Besuch in einem Café, und die Welt scheint endlich wieder in Ordnung. Willkommen in der alten Normalität! Von wegen. Die Bedienung deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung eines auf den Tisch geklebten QR-Codes. Den solle man mit seinem Smartphone scannen, dann könne man die Karte auf dem Bildschirm lesen.

          Ja, die Welt ist digitaler und kontaktloser geworden in den vergangenen eineinviertel Jahren, und QR-Codes können eine tolle Sache sein, wo sie ein physisches Angebot virtuell bereichern. Doch wenn sie zwanghaft als Zugang programmiert werden und solcherlei als „new normal“ serviert wird, muss einem das nicht schmecken. Fettfleckige, klebrige und schon durch Dutzende Hände gegangene Menüs in schmuddeliger Klarsichtfolie waren zugegeben nie ein Appetitanreger, aber es gibt analog durchaus Lösungen mit Tischmanieren.

          Dass man mobil vernetzt sein muss, um Cola, Bier oder Kaffee zu bestellen, ist ein Fall digitaler Diskriminierung. Was, wenn man kein Smartphone besitzt? 2020 hatten in Deutschland zwar rund 85 Prozent aller, die älter als vierzehn Jahre sind, eines in der Tasche. Bleibt ein Anteil übrig, der immerhin ungefähr dem Prozentsatz entspricht, den die SPD zurzeit bei der Sonntagsfrage erreicht. Was, wenn man sein Smartphone nicht dabei hat? Oder es dämlich findet, dass Serverfarmen brummen und der Akku geladen sein muss, damit man eine Getränkekarte lesen kann? Die ist in der grellen Junisonne auf dem Display ohnehin kaum zu entziffern.

          Zur Not kann die Bedienung ausnahmsweise dies und das mündlich übermitteln, und irgendwo gibt es wohl noch eine Kopie auf Papier. Überdies ist man auf die digitale Zumutung ja nicht ganz unvorbereitet: Etliche Bahnfahrer haben schon ihre Erfahrungen mit dem rollenden Vorreiter der QR-Code-Verköstigung namens Bordbistro gemacht. Als Maßnahme zur Pandemieeindämmung wurde und wird dort verkauft, dass es keine Speisekarte zum Anfassen mehr gibt. Wer etwas konsumieren möchte, muss sich mit dem Smartphone registrieren, die kulinarische Auswahl aufs Smartphone laden, ordern und nach einer Dreiviertelstunde den Platz räumen. Das ist ein Befehl, der zu befolgen ist, selbst wenn gähnende Leere herrscht.

          Gastfreundlichkeit ist in diesem System ein Fehlercode. Auf QR-Fähigkeit als Eingangsvoraussetzung setzen seit der Corona-Krise auch Geschäfte und Veranstalter: Wer sich einscannt, darf reinkommen und wird von der App Luca registriert, auf deren Daten nur die Gesundheitsämter Zugriff haben sollen. Ist das einladend? Nicht überall liegen alternativ Listen zum handschriftlichen Selbsteintrag aus, dabei wird die Befähigung zum Lesen und Schreiben vom Staat qua Schulpflicht allgemein ausgeteilt – Smartphones werden es nicht. Wird das gelbe Impfbuch seinen Besitzern ebenso viele Türen öffnen wie der digitale Impfpass auf dem Handy? Wir werden sehen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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