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Digitale Boheme : Lebenslage, Lebensstil

  • -Aktualisiert am

Die digitale Boheme im Café St. Oberholz in Berlin Bild: Daniel Pilar

Warum verunglimpft Rainer Meyer die Boheme? Die Lebenslage der Künstler erzeugt bei ihnen Angst, aber das ist kein Grund, sie zu verachten.

          Unlängst schilderte Günter Wallraff die Arbeitsbedingungen im Paketzustelldienst. Er erlebte den deregulierten Arbeitsmarkt von seiner typischen Seite. Sein Arbeitgeber war eine vorgeschaltete Verleihfirma. Mitbestimmung oder die Einhaltung von fairen Arbeitsbedingungen waren kein Thema. Der Arbeitsdruck war hoch, die Bezahlung schlecht. In der Sozialpolitik nennt man dieses zunehmende Segment Prekariat, manche sprechen von „Flexibilisierung“. Es ermöglicht einem Unternehmen, seine Mitarbeiter an ihre Bedürfnisse anzupassen. Heute leben Millionen Menschen als prekär Beschäftigte, ob als Leiharbeiter, (Schein-)Selbständige oder mit Minijobs. Geregelte Arbeit ist für viele zur bloßen Hoffnung geworden, bisweilen auch zur Utopie.

          Nun gab es schon immer eine Berufsgruppe, deren Lebenslage prekär war. Wir reden vom Künstler, Musiker, Maler oder Autor. Er galt bis in die siebziger Jahre als die letzte quasi noch unerschlossene Berufsgruppe des deutschen Sozialstaats. Ein Künstler war von seinem Einfallsreichtum und den Launen seiner Auftragsgeber abhängig. Erfolg und Scheitern lagen nahe beieinander. Häufig war es Zufall, ob man sein Auskommen fand. Trotzdem brauchte er eine soziale Absicherung. Die Künstlersozialkasse wurde erst 1983 gegründet, als der Rückbau des Sozialstaats schon eingesetzt hatte.

          Allerdings wird die prekäre Lebenslage des Künstlers durch ein Maß an Selbstbestimmung kompensiert, die der Paketbote Wallraff nicht hat, nur der gleichnamige Autor und Filmemacher. Ob und wie er arbeitet, muss er selbst wissen. Die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben ist weitgehend aufgehoben. Seine soziale Lage mag prekär sein, sein Lebensstil nicht. Er ist in der Beziehung durchaus privilegiert.

          Interesse an der Boheme ist verflogen

          In dieser Unschärfe zwischen Lebenslage und Lebensstil argumentiert Rainer Meyer im Artikel über die digitale Berliner Boheme, „Diese verflixten tausend Euro!“. Es geht um Personen, die in der Grauzone zwischen dem Dasein als Künstler, Medienarbeiter und Unternehmer leben. Ihre soziale Lage gleicht dem des Prekariats (geringe Einkommen und Unsicherheit), der Lebensstil dem des Künstlers. „Es herrscht die Überzeugung vor, die geregelte Arbeit der Elterngeneration sei ein Auslaufmodell.“ Dieses Zitat stammt von Meyer. Er kennt sich in der Szene aus, war schon in der New Economy aktiv - mit vielen Leuten, die er heute bissig skizziert.

          Tatsächlich ist die digitale Boheme verarmt, weil der Finanzkapitalismus pleitegegangen ist, von dem sie leben wollte. Kapital war billig und die Bereitschaft von Investoren, Risiken einzugehen, entsprechend groß. Das ist längst vorbei. Heute können in Europa noch nicht einmal mehr die Staaten ihre Schulden finanzieren. Da ist das Interesse an der Boheme verflogen. Man hat andere Sorgen. In diesem Milieu fanden sich damals die Propagandisten für einen Entwurf, der ihren Lebensstil als paradigmatisch für die gesamte Gesellschaft empfahl. Flexibilisierung des Arbeitsmarkts galt als Ausdruck für Selbstbestimmung, der Lebensstil des verbeamteten Paketzustellers der Bundespost als Schrecken der alten Arbeitsgesellschaft. Unsicherheit begriff man als den Preis der Freiheit. Die Freiheit war nichts anderes als die Hoffnung auf die Investoren aus dem Finanzmarkt. Die sollten für die Grundsicherung sorgen, möglichst mehr als die tausend Euro.

          Es braucht faire Arbeitsbedingungen

          Der Lebensstil des Künstlers in dieser Boheme ist zwar geblieben, aber die Lebenslage mittlerweile angsterfüllt. Das ist kein Grund für Verachtung. Die Künstler haben gute Gründe, sich mit Sozialpolitik zu beschäftigen. Die Idee des Grundeinkommens ist dabei der politische Reflex einer Generation, die älter wird, häufig kinderlos geblieben ist und nur geringe Ansprüche aus den Sicherungssystemen erworben hat. Die Boheme hat heute das Bedürfnis nach Sicherheit, und das war schon immer der Motor für sozialpolitische Reformen. Bei den Piraten finden sie dafür eine politische Heimat. Allerdings hat dieser Anspruch einen Schönheitsfehler: Kein Sozialstaat reagiert auf Lebensstile; es gibt keinen sozialpolitischen Anspruch, als Künstler zu leben. Die Risiken dieser Lebensform werden auch in Zukunft in der Sphäre der bürgerlichen Autonomie bleiben.

          Die Hoffnung auf eine Lebensstil-Sicherung durch den Sozialstaat wird genauso scheitern wie die damaligen Erwartungen an die Risikobereitschaft von Finanzinvestoren. Wie will man auch dem Paketzusteller, der nicht Wallraff heißt, diesen Anspruch erklären? Dieser hat heute ein anderes Problem: Er wird auf dem deregulierten Arbeitsmarkt als prekär Beschäftigter zu einer Art Künstlerexistenz gezwungen, mit der gleichen Unsicherheit und Angst wie in der digitalen Boheme, aber ohne Möglichkeit zur Selbstbestimmung.

          An dieser Lebenslage von Millionen Menschen und Familien gilt es etwas zu ändern. Das bedingungslose Grundeinkommen hilft dem Paketzusteller nicht weiter. Er braucht faire Arbeitsbedingungen. Insofern wird es Zeit, dass sich die Künstler der digitalen Boheme mit etwas anderem beschäftigen als nur mit sich selbst.

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