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Dietmar Dath antwortet auf Maxim Biller : Wenn Weißbrote wie wir erzählen

Je näher man diese Leute kennenlernt, desto weniger geht es noch um die Long- und Shortlist zum Deutschen Buchpreis, desto ausführlicher stattdessen um Don Winslow, Zadie Smith oder Toh EnJoe, außerdem um Fernsehserien, Filme und Platten. Die Nichterwähnung deutscher Gegenwartsliteratur in diesen Kreisen ist kein taktisches Ausweichmanöver, sie ist in den meisten dieser Fälle echte, erarbeitete Ignoranz. Und ich bekenne mich zu meiner.

„Broken English“ statt Türkisch

Das Motiv derjenigen unter den Jüngeren, die ich kennenlernen konnte - vom Heyne-Thriller-Schriftsteller bis zur kookbooks-Lyrikerin, dazwischen passt ein halbes Dutzend der besten Suhrkamp-Vorbilder, die man haben kann -, sich überhaupt je in die Literatur geworfen zu haben, ist meistens dasselbe, das mich Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger in Gang gebracht hat.

Nichts wie raus aus dem Nest, aus der Familie, aus dem Viertel oder aus dem Kaff, aus der vorgesehenen Lebensbahn, aus der geglaubten oder habituellen Religion, damit aber vor allem immer auch: aus der geläufigen Sprache. Die andere, bessere Sprache konnte und kann das „broken English“ (Marianne Faithfull) der Popmusik sein oder die bildende Kunst, die kristallinen Konstrukte exakter Wissenschaften, die Forderungskataloge radikaler Politik.

Bloß Türkisch war und ist es bei meinesgleichen nicht, weder Farsi oder Urdu. Lächerlich und beschämend: Mein japanischer Wortschatz, mein Glossar für Hip-Hop-Slang ist umfangreicher als diejenigen Teile meines Vokabulars, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich mich mit meinem Friseur in seiner ersten Sprache unterhalten wollen würde. Hier stimmt was nicht, das stimmt.

Liegt es also nicht nahe, das, was hier nicht stimmt, analytisch mit einer scheußlichen deutschen Besonderheit kurzzuschließen, die Maxim Biller den Einstieg in seinen Artikel liefert: „Seit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur durch die Nationalsozialisten waren die deutschen Schriftsteller, Kritiker und Verleger jahrzehntelang fast nur noch unter sich“?

Zwölf Jahre Zivilisationsverweigerung, Massenmord und organisierte Kulturnotzucht - wer hier nach 1945 rauswollte aus all dem, woraus junge Leute immer rauswollen, samt der Sprache, hatte ein paar gewichtige moralische Gründe mehr als andere Kinder anderswo und anderswann. Geholt hat man sich die begehrten anderen Sprachen bekanntlich beim Rock ’n’ Roll, im Kino, bei Comics, kurz, bei dem, was die NPD inzwischen, als wäre sie spätbekehrte Achtundsechzigerin, „amerikanischen Kulturimperialismus“ zu nennen gelernt hat.

Realismus konnte hierbei schon deshalb nicht aufkommen, weil man die Leute, denen man die neue Sprache verdankte, nur in der Vermittlung durch diese kannte. So konnten selbst die Fremdenfeinde, die Wolfgang Pohrt nach dem Ende der deutschen Zweistaatlichkeit für seine Massenbewusstseinsstudien interviewte, etwas für Tina Turner und Don Johnson übrighaben und dabei doch Rassisten sein, denn die Nachbarn und Asylsuchenden, von denen sie ihre Arbeitsplätze, ihre Vorgärten und ihre Kinder bedroht glaubten, kamen ja nicht aus Amerika.

Als Diedrich Diederichsen bei der Hetzjagd auf Asylsuchende damals auffiel, dass da Leute prügelten und brandschatzten, die sich mit den Insignien der internationalen Popkultur schmückten, war das die tragische Seite einer Offenbarung, deren läppische sich kurz darauf als „deutsche Popliteratur“ enthüllte. „Popliteratur“ hieß in der jungen Berliner Republik nämlich nicht, dass nun plötzlich irgendetwas Waches, Schnelles und Unberechenbares in die Literaturhäuser einfiel, sondern nur, dass der sich seit Werther treu gebliebene, leidlich gebildete, heterosexuelle, nicht allzu arme weiße Bub neuerdings Bandnamen und Plattentitel in seine Monologe einbauen konnte.

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